St. Galler Ökumene

«Die gegenseitige Anerkennung der Taufe war ein grosser Schritt»

von Katharina Meier und Stefan Degen
min
02.05.2023
In St. Gallen funktioniert vieles, was andernorts in der ökumenischen Zusammenarbeit oft schwierig ist. Bischof Markus Büchel und Kirchenratspräsident Martin Schmidt über Kanzeltausch, Hostien und rote Linien in der Ökumene.

Die St. Galler Ökumene hat einen guten Ruf. Woher kommt das? 

Markus Büchel: Wir kennen und schätzen uns. Der persönliche Kontakt, der respektvolle Umgang und das offene Gespräch sind wichtig. Dazu gehört auch die Freude, dass man verschieden ist. Ich bin manchmal froh, dass ich katholisch bin, und Martin Schmidt ist wahrscheinlich manchmal froh, dass er reformiert ist. Interessant ist, dass in St. Gallen vieles geht, was anderswo schwierig ist.

Zum Beispiel?

Martin Schmidt: Die Nacht der Lichter. Dass wir beide gegenseitig die Kanzel tauschen, Bischof Markus mir alle zwei Jahre die Kathedrale zur VerfĂĽgung stellt und umgekehrt.

Wie stark hängt das ökumenische Einvernehmen von den Einzelpersonen ab, die gerade im Amt sind?

Büchel: Das hängt schon an Einzelpersonen, aber nicht nur. Wenn ich zurückschaue auf die letzten drei Bischöfe, sehe ich: Wir sind geprägt von der Aufbruchsbewegung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Beziehung zu anderen Konfessionen wurde dort theologisch neu gefasst. Dass man nicht mehr gegeneinander ist, sondern füreinander, die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung. Diese Bewegung ist in St. Gallen auf fruchtbaren Boden gefallen und geht über Einzelpersonen hinaus.

«Um ein echtes Gegenüber zu sein und in Dialog treten zu können, muss man wissen, wer man ist», sagt der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt. Foto: Katharina Meier

«Um ein echtes Gegenüber zu sein und in Dialog treten zu können, muss man wissen, wer man ist», sagt der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt. Foto: Katharina Meier

 

 

Schmidt: Wir haben einen strukturellen Vorteil. St. Gallen ist das einzige Bistum, das deckungsgleich ist mit der Kantonalkirche. Man hat also nur eine Ansprechperson, die man gut kennt. Ich bin der einzige Kirchenratspräsident, der «seinen» Bischof mit dem Velo besuchen kann.

Was sind ökumenische Errungenschaften?

Büchel: Ein grosser Schritt war die gegenseitige Anerkennung der Taufe. Und die Gründung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen – dazu gehören ja nicht nur Reformierte und Katholiken, sondern auch Orthodoxe und Freikirchen. Alle sitzen dort an einem Tisch.

Schmidt: Wichtig ist auch die praktische Ebene: Im Unterricht, in der Spital- und Psychiatrieseelsorge und im kirchlichen Sozialdienst ist die Ă–kumene unabdingbar und funktioniert auch reibungslos.

Wo harzt es?

Schmidt: Die Ökumene ist kein Selbstläufer. Man muss die Beziehungen pflegen. Ich hatte den Eindruck, dass während der Pandemie jede Kirche zunächst für sich selbst geschaut hat – was ja auch verständlich ist. Der eigene Laden musste ja irgendwie funktionieren.

Büchel: Auf unserer Seite sind die grössten Unterschiede im theologischen Grundverständnis der Sakramente, bei der Eucharistie und der Trauung zum Beispiel. Es ist ein langer Weg, bis eine theologische Diskussion in der katholischen Kirche rezipiert ist in einer weltweiten lehramtlichen Verordnung und dann beginnt, regional Wurzeln zu schlagen.

Was heisst das konkret?

Büchel: Zwei Reformierte sind verheiratet und lassen sich scheiden. Dann will einer von ihnen eine Katholikin heiraten, kann das aber nicht, weil die reformierte Ehe von uns als gültig anerkannt wird und die zweite Ehe kirchlich nicht möglich ist. Da gibt es schon Probleme, an denen man arbeitet. Und es gibt Dinge, die man nicht dogmatisch lösen muss. Da muss die Seelsorgerin oder der Seelsorger im Moment spüren, was die Menschen brauchen und dafür auch selbst Verantwortung übernehmen. Jeder Christ verantwortet sein Handeln und sein Christsein selbst.

Schmidt: Mir ist wichtig, dass das Handeln abgesprochen ist. Meine Frau ist reformierte Spitalseelsorgerin. Eine Pflegeassistentin hat sie gebeten, der Patientin, die das wünschte, die Hostie zu reichen. Es war nämlich kein katholischer Seelsorger da. Wir haben dann Bischof Markus um seine Meinung gebeten. Er hat gesagt, wenn es im Dienst der Betroffenen sei, sei das kein Problem. Offiziell die Missio erteilen könne er aber nicht.

«Ich bin geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil», sagt der St. Galler Bischof Markus Büchel. «Die Beziehung zu anderen Konfessionen wurde dort neu gefasst: Man ist nicht gegeneinander, sondern füreinander.» Foto: Katharina Meier

«Ich bin geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil», sagt der St. Galler Bischof Markus Büchel. «Die Beziehung zu anderen Konfessionen wurde dort neu gefasst: Man ist nicht gegeneinander, sondern füreinander.» Foto: Katharina Meier

 

 

Herr Büchel, weshalb sind Sie froh, katholisch zu sein?

Büchel: Ich bin froh, in das grosse Netzwerk der Weltkirche eingebunden zu sein. Diese Dimension ist mir wichtig. Ich hätte nie so viele Kontakte, auch internationale, wenn ich nicht katholisch wäre. Aber ich verantworte das, was ich im Bistum mache, auch gegenüber Rom. Das ist nicht immer einfach. Aber dadurch lernt Rom von uns und wir lernen von Rom, dass wir eingebunden sind in ein grosses Ganzes und schauen müssen, dass wir gemeinsam weiterkommen.

Herr Schmidt, weshalb sind Sie froh, reformiert zu sein?

Schmidt: Ich schätze es, zusammen mit der Synode Entscheide zu fällen, ohne Rücksicht zu nehmen auf den schweizweiten oder weltweiten Kontext. Zudem entspricht das Zölibat nicht meinem persönlichen Lebensentwurf – ich bin verheiratet und habe Kinder.

Worum beneiden Sie die katholische Kirche?

Schmidt: Als ich den Neunzigerjahren im Rheintal Pfarrer war und eine Taufkerze einführen wollte, hiess es: «Nee, das ist katholisch.» Punkto sinnlicher Erfahrung hat uns die katholische Kirche einiges voraus, und wir haben einiges von ihr gelernt. Wenn man in Einsiedeln den grossen Platz zum Kloster hochgeht, merkt man genau, was der reformierten Kirche fehlt. Aber man merkt auch, weshalb es eine reformierte Kirche braucht.

BĂĽchel: Wir haben auch viel von den Reformierten gelernt. Dass die Liturgie deutsch ist, dass man eine Bibel zu Hause hat, die Bedeutung des Wortes Gottes in der Liturgie.

«Auch wenn der Anteil der Katholiken und der Reformierten an der Gesamtbevölkerung abnimmt, werden die Kirchen auch in Zukunft eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen», sagt Martin Schmidt. «Das geht nur ökumenisch.» Foto: Katharina Meier

 

 

Gibt es in der Ă–kumene eine rote Linie?

BĂĽchel: Auf theologischer Ebene das Bekenntnis zu Christus und zum dreifaltigen Gott.

Schmidt: Eine rote Linie ist auch, sich auf Kosten des ökumenischen Partners zu profilieren. Es gibt Menschen, die treten wegen des Papstes aus der reformierten Kirche aus. Das zeigt: Wir gehören zusammen, auch in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit.

Wo steht die St. Galler Ökumene in zwei Jahrzehnten?

Büchel: Schlimm wäre, wenn es wieder eine Konfessionalisierung gäbe. Die Gefahr ist da, dass man wieder in die Extreme geht.

Schmidt: Wir haben als Volkskirche nur eine Chance, wenn wir dem Staat gegenĂĽber gemeinsam auftreten.

Büchel: Die Ökumene muss aus einer Erneuerung des Glaubens erwachsen. Das ist eine Herausforderung für beide Kirchen. Dass wir wieder wissen, was es bedeutet, getauft zu sein, Christ zu sein, den Glauben auch zu leben. Wir brauchen eine Glaubensvertiefung. Um als Kirche bestehen zu können, ist ein theologisches Fundament wichtig. Die ökumenische Reflexion ist eine Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit einer Kirche in der modernen Gesellschaft.

Schmidt: Um ein echtes Gegenüber zu sein und in Dialog treten zu können, muss man wissen, wer man ist. Unsere Identität zu stärken ist wichtig, damit wir wissen, woran wir glauben und was das für uns als Kirche bedeutet.

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