Gastbeitrag von Judith Wipfler

Die Bibel hat es nötig!

von Judith Wipfler
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29.06.2026
Fundamentalisten präsentieren die Bibel als reaktionäres Buch – und eine säkularisierte Gesellschaft glaubt es ihnen. Auch bei uns. Ein Kommentar von Judith Wipfler: Wo bleibt der protestantische Protest?

Die Bibel gehört nicht auf den Sockel. Da hat Konrad Schmid vollkommen recht («Kirchenbote» 4/26). Auf dem Sockel würde sie nur weiter einstauben. Die Bibel gehört von uns gelesen. Sonst passiert genau das, was jetzt passiert:

Ein sogenannter «christlicher Nationalismus», der nichts anderes ist als menschenverachtender Egoismus, ermächtigt sich der Bibel. Und dies fast unwidersprochen. Denn die säkularisierte Mehrheit – auch bei uns – hält die Bibel mittlerweile für genau das reaktionäre und frauenfeindliche Buch, als das es Fundamentalisten präsentieren. So lese ich es regelmässig – als im Massenmedium arbeitend – in bibel-ignoranten Zuschriften aus wirklich allen Richtungen. Ich analysiere: Der reaktionäre Bibelmissbrauch prägt die Mehrheitsmeinung über die Bibel stärker als Jahrhunderte moderner Bibelforschung und Predigt. Da läuft doch etwas schief?!

Umso alarmierter bin ich, wenn Kompetenzorte der Bibel gestrichen werden: an Universitäten in den USA ebenso wie unlängst in Luzern. Und sogar Kirchen sparen am Buch der Bücher: Die wunderbare Bibelarbeit der römisch-katholischen Kirche Schweiz serbelt. Die einst so reiche wie fromme württembergische Landeskirche will ihr Bibelmuseum schliessen. Die Schweizer Bibelgesellschaft steht kurz vor dem Aus.

Sparen an der Bibel? Das können wir uns doch nicht leisten in einer Welt, da die Bibel derart instrumentalisiert wird. Etwa wenn ein US-Präsident Bibeln verkauft, um seinen Wahlkampf zu finanzieren, und öffentlich daraus vorliest. Aufschrei? Fehlanzeige. Trump und die Bibel, die beiden passen doch super zusammen, meinen Wohlstandsevangelisten genauso wie säkulare Bibelverächter.

Und was machen «wir»? Wo ist der protestantische Protest?

Die Bibel hat ihn nötig. Wir haben es nötig, sie zu lesen. Und zwar kompetent und, wie Peter Zürn immer so schön sagt, «im Gespräch»: Die Bibel selbst sei ein Gespräch zwischen Generationen von Menschen über Jahrtausende hinweg. Auch über Kontinente, Völker, Religionen und Geschlechter hinweg. Vielsprachig ist sie, sperrig und widersprüchlich. Genau deshalb taugt die Bibel nicht für Fundamentalismus.

Wir dürfen niemandem mehr erlauben, im Namen der Bibel Krieg zu führen. Schlagen wir sie gemeinsam auf und nicht einander auf den Kopf. Denn: «Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.» (Micha 6, 8).

 

Die Basler Theologin und Radiojournalistin Judith Wipfler studierte Theologie an den Universitäten Heidelberg und Basel. Seit 2000 arbeitet sie in der Fachredaktion Religion von SRF und ist als Religionsexpertin in verschiedenen Formaten zu hören und zu sehen. Für ihre theologische Vermittlungsleistung und ihr Engagement im interreligiösen Dialog zeichnete sie die Universität Bern 2021 mit der Ehrendoktorwürde aus.

In Freiwilligenarbeitet engagiert sich Judith Wipfler im Schweizerischen Verein für Täufergeschichte und im Schweizer Hilfsverein «Kiriat Yearim» für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Israel.

Foto: SRF/Bildbearbeitung Kirchenbote

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