Kolumne: Mystik im Alltag

«Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht sein»

von Dorothee Becker
min
17.06.2023
Mystik und Glauben sind eng miteinander verbunden. Aus dieser untrennbaren Verbindung lebten und leben mystisch begabte Menschen durch die Jahrhunderte hindurch und haben einen grossen Schatz an spiritueller Literatur hinterlassen.

«Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht sein», mit diesem Satz schaute der Theologe Karl Rahner 1966 in die Zukunft. Wir Christinnen und Christen können nur dann überzeugend und glaubwürdig sein, wenn wir zutiefst innerlich angerührt sind von Gott, von Jesus Christus, von seinem Leben und seiner Botschaft. Wenn Glaube mehr ist als Bekenntnis und Pflichterfüllung. Wenn unser Leben getragen ist von unserer Beziehung zu Gott.

Aus dieser untrennbaren Verbindung zu Gott lebten und leben mystisch begabte Menschen durch die Jahrhunderte hindurch und haben einen grossen Schatz an spiritueller Literatur hinterlassen. Das Wort «Mystik» stammt aus dem Griechischen und kann zurückgebunden werden an die Worte «myein» = «die Augen schliessen». Pierre Stutz schreibt dazu: «Schliesse die Augen, schaue nach innen, um die tiefere Verbundenheit mit allem klarer zu sehen und zu spüren.»

Zahlreiche Namen kommen mir in den Sinn, Frauen und Männer, die als Mystiker und Mystikerinnen in ihrem Leben auf der Suche nach Gott waren. Die diese Verbindung zu Gott auch durch schwere Zeiten und scheinbare Abwesenheit Gottes immer wieder neu ersehnt haben. Sehnsucht ist hier das Schlüsselwort. Die Sehnsucht nach dem «Mehr» – danach, immer mehr sein Leben dem Willen Gottes entsprechend zu führen und Jesus Christus immer mehr lieben zu lernen – sie gehört zur Spiritualität des Ignatius von Loyola.

Sehnsucht treibt auch alle anderen Mystiker und Mystikerinnen, sich immer mehr mit Gott zu verbinden, sich von Gott im Inners­ten berühren zu lassen. «Gott hat an allem genug, nur an der Berührung der Seele hat er nie genug …», schreibt Mechthild von Magdeburg. Gott möchte uns berühren, uns nahe sein, und wir dürfen uns dem immer wieder öffnen.

Auch andere Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen und Teresa von Ávila finden Gott in allen Dingen: Hildegard in der Schöpfung, sie spricht von einem Gott, der durch die Schöpfung erkannt wird, und Teresa findet Gott in den Kochtöpfen und bezeichnet das Gebet als «Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil wir sicher sind, dass er uns liebt».

Meister Eckhart, der Dominikaner, schliesslich spricht von der Gottesgeburt in unserer Seele und vergleicht diesen Prozess mit einem Künstler, der aus Stein oder Holz ein Kunstwerk herausholt, das schon im Inneren angelegt ist. «Gott gebiert seinen Sohn in dir, sei es dir lieb oder leid.» So können wir immer mehr werden, was wir im Grunde schon sind: diejenigen, als die Gott uns will.

Dorothee Becker ist Theologin, Seelsorgerin und Gemeindeleiterin im Pfarramt St. Franziskus in Riehen.

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