Vertrauen

Das Fundament der Demokratie

von Mike Lotz, Pfarrer in Appenzell
min
01.03.2026
Im Zweiten Weltkrieg schufen faschistische Kräfte in einem Grossteil Europas und Russlands ein Stück Hölle auf Erden, bevor ihnen durch den militärischen Einsatz der gesamten englischsprachigen Welt der Atem ausging. Mit der Sowjetunion ging der Faschismus in kommunistischer Form in vielen Ländern weiter und forderte sogar mehr Tote als Hitler.

Nun leben wir wieder in turbulenten Zeiten, in denen Regierungen herausfinden wollen, wie viel sie sich mit roher Gewalt aneignen können. In den turbulenten Zeiten, in denen wir leben, lohnt es sich, die Frage zu stellen, wie viel uns unsere Demokratie und die damit verbundenen Freiheiten und Pflichten wert sind. Sind wir bereit, sie zu verteidigen?

Keine Demokratie ohne Vertrauen

Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sagte Winston Churchill, mit 72 Jahren Lebenserfahrung: «Niemand behauptet, dass Demokratie perfekt oder unfehlbar ist. Tatsächlich ist Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.» In der Schweiz haben wir viele Gründe, uns über unsere Demokratie glücklich zu schätzen. Sie beruht aber auf einer Voraussetzung, die nicht per Gesetz verordnet werden kann: dem Vertrauen.

Wo Menschen einander kennen und sich gemeinsam engagieren, wächst die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen und Regeln zu akzeptieren.

Das Vertrauen zwischen Bürgern, und zwischen Bürgern und den politischen Institutionen, die sie gründen, um sich zu organisieren, ist das Fundament jeder funktionierenden Demokratie. Ohne Vertrauen kommt demokratische Selbstregierung ins Wanken. Einen Textbuchbeispiel bietet die derzeitige Verrohung der politischen Kultur in den USA. Wir können wenig beeinflussen, was dort passiert, wir müssen aber Sorge dazu tragen, was wir in der Schweiz haben und erhalten wollen. 

Freiwillige Kooperation

Der Politikwissenschaftler Robert Putnam hatte in den 1990er Jahren den Zusammenhang zwischen Vertrauen und Demokratie eindrücklich beschrieben. In seinen Studien zum sozialen Kapital in Italien und in den USA zeigte er, dass funktionierende Demokratien auf dichten Netzen freiwilliger Kooperation beruhen: Vereine, Nachbarschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen, Kirchen. Diese Netzwerke ermöglichen Interaktionen, schaffen Vertrauen und stärken gemeinsame soziale Normen. Wo Menschen einander kennen und sich gemeinsam engagieren, wächst die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen und Regeln zu akzeptieren, selbst dann, wenn sie hier und da den eigenen Interessen widersprechen. Sinkt dieses soziale Kapital, nimmt auch das Vertrauen ab, was uns anfälliger macht für politische Polarisierung und die Erosion unserer Demokratie. Hinzu kommt, dass Russlands Desinformationskampagnen, eine äusserst professionalisierte Spezialität ihrer Aussenpolitik seit den 1920er Jahren, darauf zielen, in anderen Ländern Zwietracht zu streuen und somit Demokratien im Kern zu treffen und zu destabilisieren. Das Bewusstsein dessen sollte uns wiederum wachsam machen und uns ermutigen, uns weiterhin in unseren Kirchen und Vereinen zu engagieren. Denn in diesem Engagement floriert das Vertrauen, das uns zusammenhält.

Pflege persönlicher Kontakte

Robert Putnam macht deutlich, was wir in der Schweiz schon lange wissen: Vertrauen ist eine Voraussetzung für unsere Demokratie. Wo Vertrauen herrscht, wird es einfacher, politisch zusammenzuarbeiten. Es stärkt auch die Legitimität unserer Entscheide und ermöglicht, gemeinsam längerfristig zu denken. Wir müssen daher nicht nur unsere Institutionen schützen, sondern auch die persönlichen Kontakte pflegen, aus denen Vertrauen entsteht.

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