Das Buch der Selbsterkenntnis

min
09.05.2017
Zum Reformationsjubiläum stellt der St. Galler Künstler Josef Geier eine riesige «begehbare Bibel» auf. Das 22-Tonnen-Buch ist ein erlebbares Glaubensbekenntnis. Wer hinein geht, steigt auf 14 Treppenstufen zum Licht.

Im Atelier von Josef Geier in St. Gallen liegt eine aufgeschlagene Bibel. Er kennt sich aus in der Welt der Bibel, wie in der Geschichte überhaupt. Als Restaurator arbeitet Geier mit jahrhundertealten Objekten und kennt nahezu jede historische Baute in der Stadt St. Gallen, von der Stiftsbibliothek bis zu den Erkern. Auch in seiner Kunst taucht er manchmal ab in das Gestern, im wörtlichen und übertragenen Sinn. So hat er die ehemalige Klosterstadt und den heutigen Kantonshauptort St. Gallen in einer Kunstaktion als Taucher im Neoprenanzug erkundet. Damit will er den Blick schärfen für die «Juwelen» mitten im Altbekannten.

Josef Geier lässt Dinge aus der Vergangenheit auftauchen und holt sie in die Gegenwart. Genau das tut er nun auch mit der Bibel. Bei der Universität St. Gallen steht «Das Buch», eine begehbare Bibel. Die Skulptur ist sechs Meter hoch, 22 Tonnen schwer, und Tag und Nacht zugänglich. Wer daneben steht, fühlt sich klein. «Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir», sagt Josef Geier und münzt das Luther-Zitat auf die Skulptur.

Gott hat keinen Feierabend
Josef Geier hat «Das Buch» für das Reformationsjubiläum gestaltet. Es ist Teil der Feierlichkeiten «500 Jahre Reformation» der reformierten Kantonalkirche des Kantons St. Gallen. Die Botschaft der Skulptur lautet: Die Bibel ist ein offenes Buch. Wer in das Buch der Bücher eintritt, erkennt sich selber und die Welt neu.

Für den 55-jährigen Künstler und Restaurator ist wichtig, dass die Skulptur rund um die Uhr offen ist. Denn: «Gott ist immer da. Er macht nicht einfach irgendwann Feierabend», sagt Geier. Wer in das Buch eintritt, steht in einem «dunklen Tal». Die Anspielung an den Vers aus Psalm 23 ist gewollt. Geier kennt diesen Psalm auswendig, die Worte begleiten ihn in seinem Leben. Links und rechts sind schwarze Wände, aus der Blickrichtung kommt durch ein Guckloch Licht entgegen. Man steht vor 14 Treppenstufen. Diese Zahl erinnert an die 14 Stationen des Kreuzwegs von Jesus Christus. Auch die Anzahl der Stahlsäulen, welche die ganze Konstruktion tragen, ist symbolisch: sie stehen für die zwölf Apostel.

14 Stufen durchs «dunkle Tal»
Wer im «Treppen-Kreuzweg» auf der 14. Stufe steht, sieht durch das Guckloch in Richtung Wittenberg, der Lutherstadt. Er sieht aber auch die Natur und die Schöpfung. Und die letzte Kreuzweg-Station erinnert an Tod und Auferstehung von Christus. Josef Geier schreibt im Begleittext zur Skulptur: «Der Mensch ist in der Lage, auf den Mond zu fliegen und Atombomben zu erfinden, aber was ist mit der Liebe, die zurzeit dürftig in Erscheinung tritt?» Die Sicht durch das runde Fenster soll «Durchblick, Weitblick, Überblick und Ausblick» für ein achtsames Leben und den sorgsamen Umgang mit der Schöpfung geben.

Die Skulptur ist auch ein persönliches Glaubensbekenntnis von Josef Geier. Denn er ist überzeugt: «Jeder Mensch muss selber zur Erkenntnis kommen.» Keine Autorität könne ihm vorschreiben, was er zu glauben habe. Und niemand, auch keine Kirche, kann einem abnehmen, für sich selber vor Gott gerade zu stehen. Darum steigt man die 14 Treppenstufen allein hinauf, allein mit Gott. Wer diesen Weg wagt und in das Buch der Bücher hinein geht, findet sich selbst. Es ist ein Buch der Selbsterkenntnis. Die Reformation inspiriert die Kunst: Jeder Mensch hat einen direkten und eigenen Zugang zu Gott.

Herr Geier, sind Sie gläubig?
Wer mit Josef Geier spricht, merkt rasch: Er ist ein sehr ernsthafter Mensch. Kunst und Religion sind für ihn existenziell und Auseinandersetzungen mit der eigenen Biographie. Am «Buch» hat er dreiviertel Jahre gearbeitet. Geier spricht bei jedem seiner Kunstwerke von einer «Geburt»: Es ist für ihn ein Ringen, bis sie «auf der Welt» sind. Seine Arbeiten, in der Tradition der «konkreten Kunst», sind zugleich einfach und reflektiert. Dass er mit der Bibel nun Religion zum Thema macht, trage ihm oft die Frage ein: «Herr Geier, sind Sie gläubig?» Er antworte darauf: «Ich bin sicher ein Suchender.»

Daniel Klingenberg / Kirchenbote / 9. Mai 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Unsere Empfehlungen

Wie das Christentum zu den Ostereiern kam (1)

Wie das Christentum zu den Ostereiern kam (1)

Ostern ist der höchste Feiertag für die Christenheit. An diesem Tag feiern die Gläubigen die Auferstehung des Herrn. Doch wer in diesen Tagen die Läden betritt, stellt rasch fest: Der eigentliche Star heisst Meister Lampe. Wie kommt das Christentum zu den Eiern und den Hasen?
Kunstwerke als Botschafter eines bedrängten Landes

Kunstwerke als Botschafter eines bedrängten Landes

Die Ukraine kämpft um ihr Überleben. Auch die Kunst des Landes leistet ihren Beitrag dazu. Das Kunstmuseum Basel präsentiert derzeit in der Ausstellung «Born in Ukraine» eine Auswahl bedeutender Werke aus der Kyjiwer Gemäldegalerie, dem nationalen ukrainischen Kunstmuseum.
Durch den Boden unserer Welt

Durch den Boden unserer Welt

Niklaus Peter, ehemaliger Pfarrer am Fraumünster Zürich, Autor und Kolumnist, erklärt, warum die Bibel die Menschen fasziniert, tröstet, herausfordert und anspricht.
Die Erfindung des Weihnachtsfestes

Die Erfindung des Weihnachtsfestes

Wenn die Tage am dunkelsten sind, feiern wir Weihnachten. Dies scheint kein Zufall. Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen belegt dies in seiner neusten Ausstellung. Es rückt dabei die Bedeutungsgeschichte der Wintersonnenwende ins Zentrum.