Fastenzeit

Darf’s ein bisschen weniger sein?

von Tilmann Zuber
min
25.01.2024
Anlässlich der Sammelkampagne zur Fastenzeit rufen die kirchlichen Hilfswerke dazu auf, das Konsumverhalten zu überdenken. «Weniger ist mehr», lautet der Slogan, der auf Lebensqualität setzt und für Klimagerechtigkeit appelliert.

Die Nagelprobe zuerst: Frau Fassbender, haben Sie Ihr Leben schon umgestellt? Elke Fassbender ist Kampagnenleiterin beim Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Heks. Sie ist mitverantwortlich, dass die Hilfswerke mit dem Slogan ┬źWeniger ist mehr ÔÇô jeder Beitrag z├Ąhlt┬╗ an die ├ľffentlichkeit gehen. Zu lesen auf grossformatigen Plakaten, die einen gehetzten Kunden mit einem ├╝berladenen Einkaufswagen zeigen, w├Ąhrend eine Afrikanerin ihre Schubkarre mit Gem├╝se vor sich herschiebt. Ziel der Kampagne sei es, sagt Fassbender, die Bev├Âlkerung daf├╝r zu sensibilisieren, dass weniger Konsum mehr Lebensqualit├Ąt bedeuten k├Ânne.

Verzicht und Solidarit├Ąt

Zur christlichen Fastenzeit geh├Ârt es traditionell, den G├╝rtel enger zu schnallen, Verzicht zu ├╝ben und solidarisch zu sein. Seit vier Jahren thematisiert die ├Âkumenische Kampagne die ┬źKlimagerechtigkeit┬╗. Heks, Fastenaktion und ┬źPartner sein┬╗ rufen dazu auf, mit ┬źallen zur Verf├╝gung stehenden Mitteln den CO2-Ausstoss massgeblich zu verringern┬╗. Heks ist ├╝berzeugt: ┬źJeder Beitrag z├Ąhlt.┬╗ Was in der Fastenzeit gelebt und erlebt werde, sei auch die zentrale Botschaft f├╝r Klimagerechtigkeit: weniger Konsum, weniger Energieverbrauch, weniger Foodwaste ÔÇô weniger CO2-Ausstoss.

Jeder Zehntelgrad mehr hätte fatale Folgen für das Klima und das Leben auf dem Planeten.

┬áDie Hilfswerke unterst├╝tzen die Ziele des Pariser Abkommens, die Klimaerw├Ąrmung bis 2050 auf 1,5 Grad einzud├Ąmmen. ┬źJeder Zehntelgrad mehr h├Ątte fatale Folgen f├╝r das Klima und das Leben auf dem Planeten┬╗, sagt Lorenz Kummer, Medienverantwortlicher bei Heks. Leidtragende sind vor allem die Menschen in den Entwicklungsl├Ąndern.

┬źEs ist nicht klimagerecht, dass wir hier durch unser Konsumverhalten so stark zur Klimaerw├Ąrmung beitragen┬╗, sagt Elke Fassbender, ┬źw├Ąhrend die Menschen im globalen S├╝den durch die zunehmende Hitze, D├╝rreperioden, St├╝rme oder den Anstieg des Meeresspiegels ihre Lebensgrundlagen verlieren.┬╗ Besonders stossend sei, dass die Menschen im S├╝den nur wenig zur Klimaerw├Ąrmung beitragen, ihnen aber andererseits die finanziellen Mittel fehlen, um sich gegen die Folgen der Erderw├Ąrmung zu wehren.

Hand- und Fussabdruck

Seit Jahren rechnen die Wissenschaft, NGOs und die Politik den Konsumenten mit dem ├Âkologischen Fussabdruck vor, wie viel CO2 sie produzieren, sei es, wenn sie zum Christmas-Shopping nach London fliegen, baden statt duschen oder ohne Deckel kochen. Nat├╝rlich sei der ├Âkologische Fussabdruck wichtig, um sich seinen Verbrauch bewusst zu machen, sagt Elke Fassbender. Aber das st├Ąndige Vorrechnen der CO2-Bilanz gebe einem das Gef├╝hl des Versagens und der Ohnmacht.

Je weniger ich gestresst bin, in der Gegend herumhetze, je weniger ich konsumiere, desto mehr Zeit habe ich.

┬áHeks setzte deshalb neu auf den Handabdruck. Das Modell stellt das positive Verhalten ins Zentrum und zeigt, welche Aktionen und Projekte einen Mehrwert f├╝r die Umwelt und das eigene Leben bringen. Und wie man eine Gemeinschaft nachhaltig positiv ver├Ąndern kann. Konkret k├Ânnte man Freunde zum vegetarischen Essen einladen oder gemeinsam kochen, ein Reparaturcaf├ę gr├╝nden, Kleidertauschpartys feiern oder als Hausgemeinschaft die Fassade begr├╝nen oder sich f├╝r eine neue W├Ąrmepumpenheizung oder Solarzellen auf dem Dach einsetzen. So wird aus weniger mehr. ┬źDamit die Aktionen erfolgreich sind, spielt die Vernetzung mit anderen eine wichtige Rolle┬╗, sagt Fassbender.

 

Jeder Gegenstand und jede Dienstleistung hinterlässt einen ökologischen Fussabdruck, hier dargestellt in Kilogramm CO₂-Äquivalente. CO₂-Äquivalente sind eine Masseinheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung der unterschiedlichen Treibhausgase. | Heks

Jeder Gegenstand und jede Dienstleistung hinterlässt einen ökologischen Fussabdruck, hier dargestellt in Kilogramm CO₂-Äquivalente. CO₂-Äquivalente sind eine Masseinheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung der unterschiedlichen Treibhausgase. | Heks

 

Kein Verzicht um des Verzichts willen

F├╝r Elke Fassbender hat die Fastenzeit auch eine positive Seite: ┬źJe weniger ich gestresst bin, in der Gegend herumhetze, je weniger ich konsumiere, desto mehr Zeit habe ich, aufzutanken, innezuhalten, achtsam zu werden, sich Zeit f├╝r andere zu nehmen, zu geniessen, den Augenblick zu erleben und sich von ihm beschenken zu lassen.┬╗ Weniger ist mehr bedeute nicht Verzichten um des Verzichts willen, sondern ein gutes Verzichten auf Dinge, die mir eigentlich nicht guttun und mir den Weg zu mehr Lebensqualit├Ąt verstellen.

Mehr Lebensqualit├Ąt

Zur├╝ck zur Nagelprobe: Haben Sie Ihren Lebenswandel umgestellt? Elke Fassbender ├╝berlegt: Ja, sie kaufe grunds├Ątzlich nur gebrauchte Handys und keine Kleidung, die sie eigentlich nicht brauche. Ein neues St├╝ck komme nur noch in den Schrank, wenn ein altes ausgemustert werde. Heute f├Ąhrt Fassbender mit dem Velo durch Bern, ins B├╝ro nach Z├╝rich reist sie mit dem Zug. Ihr Auto nutzt Sie nur noch im Notfall, auch wenn es schwer f├Ąllt: ┬źEs kostet ├ťberwindung, bei K├Ąlte und Regen aufs Fahrrad zu steigen┬╗, gibt sie zu.

Und, f├╝gt Elke Fassbender hinzu, fr├╝her sei sie innerhalb Europas geflogen, heute nehme sie dazu den Zug, wie k├╝rzlich, als sie ├╝ber Silvester Freunde in Barcelona besuchte. F├╝r die Heks-Mitarbeiterin bedeutet der Zug ein St├╝ck Lebensqualit├Ąt. Die Reise wurde zum Erlebnis. Sie konnte sich mit den Mitreisenden unterhalten, B├╝cher lesen, einen Kaffee trinken und erlebte, wie sich die Landschaft, die an ihr vorbeizog, ver├Ąnderte. ┬źEs gab so viel zu sehen, dass ich nicht das Gef├╝hl hatte, Zeit zu verlieren, obwohl ich zehn Stunden unterwegs war. Das zeigt: Weniger ist manchmal mehr.┬╗

 

Unsere Empfehlungen