Barfuss unter den Reichen
Es gibt Adressen, an denen man eine Eigentumswohnung für den Preis einer Villa kauft, und die Hofackerstrasse in Zürich ist so eine. Zwanzigtausend Franken der Quadratmeter, ungefähr, falls man überhaupt etwas findet. Wer hier wohnt, hat es meistens geschafft. Im dritten Stock eines etwas zurückgezogenen Hauses hinter einem Garten, der aussieht, als hätte ihn jemand mit sehr viel Liebe gepflegt, wohnen sechs Männer, die es, rein steuertechnisch betrachtet, nicht geschafft haben. Null Franken Einkommen, null Franken Vermögen. Bruder Mathias sagt das, als würde er den Wasserstand am Zürichsee durchgeben, ganz sachlich, jedes Jahr trage er das brav in die Steuererklärung ein.
Bruder Mathias ist Mitte vierzig, trägt eine braune Kutte, einen weissen Strick mit Rosenkranz und keine Schuhe. Er gehört den Franziskanern an, den Minderen Brüdern, wie sie sich selber nennen, was schon mal eine ziemlich Understatement-taugliche Berufsbezeichnung ist. Anlässlich des 800. Todestags ihres Gründers verbringe ich drei Tage bei ihnen. Die Ausgangslage: ein Reformierter, der noch nie länger als für eine Hochzeit oder Beerdigung oder als Tourist in einem katholischen Gebäude war, zieht bei sechs Männern ein, die freiwillig auf so ziemlich alles verzichten, was ich für mein Wohlbefinden für unverzichtbar halte. Mit reformiert schlechtem Gewissen – war es doch Zwingli, der einst alle Geistlichen des alten Glaubens aus Zürich verbannte: Das protestantische Arbeitsethos vertrug sich schlecht mit einem Lebensstil ohne Besitz. An der Stelle des ehemaligen Franziskanerklosters steht heute das Obergericht – statt Vergebung gibt’s dort Strafbefehle.
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Noble Adresse, bescheidene Bewohner: Das Franziskanerkloster an der Hofackerstrasse in Zürich. | Foto: Tilmann Zuber
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Das Gästezimmer ist so eingerichtet, wie man sich das vorstellt, wenn man das Wort «Askese» hört: Bett, Matratze überraschend bequem, ein Lavabo im Stil der frühen Siebziger, Tisch, Stuhl, eine zweite Matratze für den Notfall auf dem Boden. An der Wand ein orthodoxes Kreuz mit dem Gekreuzigten, der einem beim Einschlafen zusieht, was ich, ehrlich gesagt, tröstlich fand, für andere dürfte dies gewöhnungsbedürftig sein. Mehr, so scheint das Zimmer sagen zu wollen, brauche ein Mensch nicht. Als ich mein Necessaire auspacke, wappne ich mich für drei Tage ohne Vier-Sterne-Anspruch.
Der erste Abend
Zur Vesper treffen sich die Brüder und die Besucher unter dem Dach. Bruder Mathias stimmt die Gitarre an, es wird gesungen, aus dem Brevier gebetet und an die selige Maria Theresia Scherer erinnert, eine geschäftige Pionierin der Krankenpflege im 19. Jahrhundert, die Papst Johannes Paul II. 1995 seliggesprochen hat. Ich lasse mich treiben in diesem Wechsel aus Gesang und Gebet, die Gedanken werden leiser, die Zeit dehnt sich. Nur bei der Genuflexion, dem Niederknien, streikt der protestantische Körper – aus der nicht ganz unbegründeten Angst, nachher nicht mehr hochzukommen.
Später, im Garten, gibt es ein Agapemahl, zu Deutsch: Liebesmahl. Jeder hat etwas mitgebracht, Käse, Wurst, Wein, es wird schnell gemütlich, fast biblisch, man denkt automatisch an die Speisung der fünftausend, auch wenn hier eher vierzig sitzen.
Barbara Hampel, eine Kulturwissenschafterin aus der ehemaligen DDR, die heute in Thalwil lebt und eine Sendung bei Radio Maria hat, erklärt mir, wer keinen Besitz habe, brauche auch keine Waffen, um ihn zu verteidigen. Sie sieht in Franz von Assisi so etwas wie einen frühen marxistischen Gesellschaftskritiker, der erkannt habe, wie das aufstrebende Bürgertum den Adel ablöste, reich wurde und die Armen ausbeutete. Franziskus, sagt sie, habe dem widersprochen, indem er sich buchstäblich die Kleider seines Vaters vom Leib riss und mittellos weiterlebte. «Bitteres wurde süss», sagt Hampel. Ich nicke, wie man nickt, wenn man das Gefühl hat, gerade nicht ganz mitzukommen, aber beeindruckt zu sein.
Am Abend, im Zimmer, unter dem zusehenden Gekreuzigten, checke ich die Mails der Redaktion. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich nicht mit einem heiligen Nein den Laptop zuklappe.
Erkenntnis des Tages gemäss Franziskus: «Fange mit dem Notwendigen an, dann mit dem Möglichen – und irgendwann schaffst du das Unmögliche.» Ich habe es nicht einmal geschafft, meinen Laptop geschlossen zu lassen.
Der zweite Tag
Beim Morgenessen: kein Buffet, aber das Quittengelee ist ausgezeichnet, ein Nachbar habe es vorbeigebracht, erzählt Bruder René, 67, seit 1981 im Orden. Mit achtzehn geriet er, damals noch bürgerlich René Fuchs, in eine handfeste Lebenskrise, dazu kam eine unglückliche Liebe, es war, kurz gesagt, keine gute Zeit. Freikirchler luden ihn in einen Gottesdienst ein und schenkten ihm eine Lutherbibel. Er begann zu lesen, kam aus dem Tief heraus, wollte leben wie Jesus. Es folgten Ordensausbildung und ein paar Semester Theologie. Als junger Bruder sei er «ein Hardcore-Armuts-Bruder» gewesen, sagt er und lacht dabei.
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Fröhliche Runde: die Brüder beim Morgenessen. | Foto: Tilmann Zuber
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Der Verzicht auf Frau, Kind und Sexualität sei nicht immer leicht gewesen – eigentlich hätte er gern eine Familie gehabt. Heute führt der gelernte Elektromechaniker die Buchhaltung der Schweizer Franziskaner. Er schichte gerne Zahlen um, sagt er und schmunzelt. Was wohl Franziskus dazu gesagt hätte, der einst die Kaufmannskarriere seines Vaters ausschlug, um am Ende doch wieder jemanden zu brauchen, der die Buchhaltung führt.
Während bei den meisten von uns die Arbeit den Tag taktet, tut das hier das Gebet: um halb sieben die Laudes in der Hauskapelle unterm Dach, dann die Messe in der nahen Kirche St. Anton, vor dem Mittagessen das Mittagsgebet, abends Anbetung und Vesper. Ein geregeltes Berufsleben hat hier niemand, ein paar Brüder haben ein kleines Pensum in einer Pfarrei, der Lohn geht in die Gemeinschaftskasse.
Auf dem Weg zur Kirche St. Anton sagt Bruder Mathias, arm fühle er sich nicht, im Gegenteil: «Ich fühle mich reich beschenkt.» Man brauche erstaunlich wenig, um glücklich zu sein. Miete und Krankenkasse übernimmt der Orden, finanziert über Spenden, Legate und die Arbeit der Brüder. Kein Auto, kein teures Restaurant, keine Markenkleidung – all das sei, in Wirklichkeit, ein Gewinn, sagt er, und man merkt, dass er das nicht zum ersten Mal sagt, aber auch, dass er es glaubt.
Einem Armen auf der Strasse kann ich nicht sagen: Sei glücklich, du bist doch arm.
Zu den Franziskanern kam Bruder Mathias über einen Umweg, der so gar nicht klösterlich beginnt: Er habe Politikwissenschaft studiert, in der Ukraine und in Russland für eine Handelsfirma gearbeitet. Anfang dreissig habe er gespürt, dass etwas fehle. Er begann, in der Bibel zu lesen, ging in Gottesdienste, und als die Firma schloss, entschied er sich, der neuen Sehnsucht nachzugehen. Erst Stunden, dann Wochen, dann Monate lebte er im Kloster Näfels mit, bis er den Habit nahm. Mit dreissig, sagt er, hätte er nie gedacht, einmal ins Kloster einzutreten. Was Franziskus ablehnte, sei nicht die Arbeit gewesen, sondern das Anhäufen von Besitz, erklärt Bruder Mathias. «Sobald ich Besitz habe, verteidige ich ihn und will ihn vermehren – das bringt mich sofort in die Logik des Habenwollens.» Dabei stammte der Ordensgründer selbst aus einer Kaufmannsfamilie und kannte Geld und Luxus aus eigener Anschauung, was seine spätere Ablehnung wohl noch etwas radikaler macht.
Ist Geld also die grosse Versuchung? «Geld an sich ist neutral», sagt Bruder Mathias. «Aber der Mensch verfällt immer wieder der Gier nach mehr.» Von «Armut» spricht er dabei ungern, das gehe ihm zu weit, lieber spricht er von Bescheidenheit und Gemeinschaft – und davon, zu teilen, was man hat, mit denen, die wenig haben. Wichtig sei, dass der Verzicht freiwillig gewählt sei: «Einem Armen auf der Strasse kann ich nicht sagen: Sei glücklich, du bist doch arm.» Gerade in reichen Ländern liege in der materiellen Absicherung eine Gefahr, findet er: Wer alles habe, verschliesse sich irgendwann und frage sich, wozu er noch Gott brauche.
In der Küche frage ich, ob der franziskanische Lebensstil ein Gegenmodell sei zu einer Gesellschaft, in der viele unter Stress und Burn-out leiden. «Ja, sicher», sagt Bruder Mathias und denkt an seine Zeit in Graz zurück, wo er vielen Bettlern begegnete: «Ich hatte kein Geld, aber Zeit, und diese Zeit schenkte ich ihnen.» Viele Menschen sehnten sich nach Einfachheit, steckten aber im Hamsterrad fest und schafften den Ausstieg nicht. Bescheiden zu leben, heisse, sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? «Ich weiss nicht, wer sich diese Frage im Alltag noch stellt. Bei uns ist sie ständig präsent.»
Besonders eindrücklich erlebt er das beim Reisen. Manchmal reist er bewusst per Autostopp. Man stehe am Strassenrand, meist nehme einen schon bald jemand mit, man komme ins Gespräch, oft entstehen daraus sehr intensive Gespräche. Dann werde man irgendwo abgesetzt, müsse eine Stunde warten und hadere mit Gott, ob es heute überhaupt noch weitergehe. «Und dann kommt jemand und bringt einen ganz unverhofft bei Schwestern unter.» Solche Momente zeigten ihm: Gott versorge einen wirklich, es gehe immer irgendwie weiter.
Am Abend wieder Mails. Was, frage ich mich, wenn ich einfach fĂĽr einen Tag unerreichbar bliebe? Die Vorstellung macht, muss ich zugeben, Lust auf mehr.
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Erkenntnis des Tages gemäss Franziskus: «Denke daran: Wenn du glücklich sein willst, sei es.» Der Spruch von Franz beschäftigt mich noch lange in der Nacht.
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Der dritte Tag
Bruder Niklaus treffe ich in der Bibliothek, das Küken unter den Brüdern. Katholizismus war ihm nicht fremd, in seiner Familie gehörten Messe und Rosenkranz zum Alltag. In zwei Monaten legt er seine Profess ab und tritt endgültig in den Orden ein. Für ihn ist das ewige Gelübde wie eine Hochzeit, sagt der spirituelle Bräutigam, ohne mit der Wimper zu zucken. Zweifel hat der 27-Jährige keine. Er liebt die Freiheit dieses spirituellen Lebens, die Zeit fürs Gebet, dass sein Tag nicht von acht Arbeitsstunden diktiert wird. Der ehemalige Automatikmonteur ist heute der Schneider des Ordens. Er näht die Kutten der Brüder; jeder bekommt zwei massgeschneiderte, für eine braucht er vier Tage. Es gibt, denke ich, schlechtere Berufe.
Eigene Sozialwerke betreiben die Franziskaner in Zürich nicht. Bei einem Treffen mit Jesuiten und Dominikanern seien sie einmal nach ihren Projekten gefragt worden und ziemlich überfordert gewesen mit der Antwort, erzählt Bruder Mathias. «Da sagte einer von uns: die Bruderschaft, die Gemeinschaft. Und das stimmt tatsächlich.» Zusammenleben, Zeit investieren für andere Menschen, in diesem Haus, in diesem Quartier, in dieser Stadt, das sei ihre erste Aufgabe. So entstehe ein Raum, in dem Gott wirken könne. Diesen Raum bieten sie mit ihren Gästezimmern, den Teilete-Feiern und ihrem Einsatz für Menschen in der Stadt.
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Mit diesen franziskanischen T-Shirts sammelt der Orden Geld für soziale Projekte. | Foto: Tilmann Zuber
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800 Jahre später fasziniere Franziskus noch immer Menschen über alle Glaubensgrenzen hinweg, sagt Bruder Mathias. Die einen wegen seiner Verbundenheit mit der Schöpfung, die anderen wegen des Interreligiösen, wieder andere wegen seiner Radikalität. Franziskus wecke in den Menschen bis heute eine Sehnsucht: nach Einfachheit, nach Freiheit, nach einem Leben, das sich nicht an Besitz festklammert, sondern den Moment lebt.
Dann muss Bruder Mathias los, zur Heilsarmee, wo mittags Bedürftige kostenlos oder für wenig Geld verköstigt werden. Dort sucht er das Gespräch, will zeigen, dass niemand allein ist. In Sandalen und Kutte geht er zur nächsten Tramhaltestelle, mitten hinein in Hektik und Lärm, manche Blicke bleiben erstaunt an ihm hängen. Ihn scheint das nicht zu stören, so wenig wie seinerzeit seinen Ordensgründer. Manchmal, sagt er, halten ihn Kinder für den Samichlaus.
Am Abend bin ich zurück, schlafe wieder in meinem eigenen Bett, seit kurzem finanziert von Pensionskasse und AHV, was mir plötzlich sehr komfortabel vorkommt und gleichzeitig ein bisschen fad. Drei Tage lang habe ich offene und herzliche Menschen kennengelernt, die in ihrem Leben die Nachfolge Jesu suchen und sich dabei an Franz von Assisi halten. Sie leben ohne Besitz und fühlen sich reich beschenkt, verzichten auf Familie und finden ihr Glück in der Gemeinschaft, lassen sich von Gebetszeiten treiben – und gerade deshalb ist ihnen der Moment kostbar.
Vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die Frage, ob dieser 800 Jahre alte Lebensentwurf noch etwas zu sagen hat zu einer Gesellschaft, die permanent online, permanent im Hamsterrad und permanent auf der Suche nach mehr ist. Ich fĂĽr meinen Teil habe zumindest die Mails am dritten Abend erst nach dem Abendessen gecheckt. Ein Anfang.
Letzte Erkenntnis gemäss Franziskus: «Gegen die Nacht können wir nicht ankämpfen, aber wir können ein Licht anzünden.» Toller Spruch, denke ich, als ich das Licht ausschalte.
Franz von Assisi – ein Leben in Kürze
Franz von Assisi wurde um 1181 in Assisi als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers geboren. Nach einer Jugend als Lebemann und einer Kriegsgefangenschaft erlebte er eine tiefe religiöse Bekehrung, verschenkte seinen Besitz, lebte unter Ausgestossenen und gründete um 1209 den Orden der Minderen Brüder. Sein Ideal: ein Leben in radikaler Armut, Geschwisterlichkeit und Nähe zur Schöpfung. 1224 empfing er die Stigmata, am 3. Oktober 1226 starb er in Assisi – vor 800 Jahren. 1228 wurde er heiliggesprochen. Der Franziskanerorden zählt heute rund 12'000 Mitglieder und ist damit einer der grössten Männerorden der katholischen Kirche, nach Jesuiten und Benediktinern der drittgrösste. Hinzu kommen noch die franziskanischen Frauenorden
Barfuss unter den Reichen