Der steinige Weg in den Nationalrat

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26.02.2021
Hanna Sahlfeld-Singer war eine der ersten Frauen im Nationalrat. 1971 wurde sie vereidigt. Dann begannen die Schwierigkeiten, sodass sie und ihr Mann die Schweiz schliesslich verlassen mussten.

Hanna Sahlfeld-Singer stolperte oft über Gesetze und Verordnungen, die den Frauen vorschreiben, wie sie zu leben haben, und ihnen weniger Rechte zugestehen als dem starken Geschlecht. Das Zölibatsgebot für Pfarrerinnen in Deutschland war ausschlaggebend, dass das junge Theologenehepaar im Kanton St. Gallen eine Pfarrstelle suchte – und schliesslich in die Gemeinde Altstetten gewählt wurde: er als Hauptpfarrer, sie mit einem Teilzeitvertrag. «Arbeit gab es mehr als genug, aber dass da ‹Doppelverdiener› am Werk waren, gefiel manchen nicht», erzählt Hanna Sahlfeld im Rückblick.

Als 1.-August-Rednerin
Weil ihr Mann als Ausländer nicht als 1.-August-Redner infrage kam, durfte Hanna Sahlfeld die Ansprache halten. Das Thema war für sie klar: Frauenstimmrecht, Zivildienst, Respekt für andere Meinungen. Manchen Zuhörern war das alles zu kritisch. Aber als das Frauenstimmrecht angenommen wurde, erinnerten sich die Sozialdemokraten an die Rednerin, Hanna Sahlfeld liess sich schliesslich von der SP portieren. Mit ihrer Wahl rechnete sie nicht. Gewählt wurde sie dennoch. Dann stellte sich heraus, dass sie als «Person geistlichen Standes » gemäss Bundesverfassung gar nicht ins Parlament wählbar war. Schliesslich durfte sie in den Nationalrat einziehen, weil sie sich in der Kirchgemeinde auf Aufgaben beschränkte, die auch jede mit einem Pfarrer verheiratete Frau machen durfte. Am 13. Dezember 1971 wurde sie als Parlamentarierin vereidigt.

Doch die Angriffe nahmen nicht ab. Hanna Sahlfeld-Singer versuchte, Nerviges gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. «Schlimm war allerdings, dass mein Mann von jetzt an kritisiert und attackiert wurde. Aber ich hatte ihn und seine Ermunterung dennoch immer im Rücken. Und meine Eltern waren hilfreiche Grosseltern», erzählt sie. «1972 kam ja unser zweites Kind zur Welt.»

Auch in der Fraktion spürte sie einige Vorbehalte, etwa von Juristen oder Ökonomen, die dachten: «Was versteht diese junge Theologin schon vom politischen Geschäft?» Sie erhielt aber auch Unterstützung. Für Fragen aus dem wirtschaftlichen Bereich wandte sich Hanna Sahlfeld-Singer an Otto Stich, den späteren Bundesrat. Hanna Sahlfeld-Singer setzte sich in ihrer politischen Arbeit für die Rechtsgleichheit innerhalb des Rechtsstaates, für die Vertiefung der demokratischen Rechte und die Humanisierung im Sozialbereich ein.

Verzicht auf das Amt
1975 wurde Hanna Sahlfeld erneut in den Nationalrat gewählt, sie verzichtete aber auf das Amt. Zu stark war der Druck geworden. «Mein Mann wurde ständig belauert, ob er etwas sagen würde, was man ihm als politisch anlasten könnte», erzählt Hanna Sahlfeld-Singer. «Sachliche Diskussionen wurden unmöglich.»

So hatte sich die Familie entschlossen, Altstätten zu verlassen, damit die Gemeinde zur Ruhe kommen könne. Sie streckten die Fühler nach verwaisten Pfarrstellen im Kanton St. Gallen aus. Vergebliche Liebesmüh. Überall wurde abgewinkt, bevor sich ihr Mann nur vorstellen konnte. Rolf Sahlfeld-Singer hatte in St. Gallen keine Chance mehr. Schliesslich bewarb sich der Pfarrer in der Rheinischen Kirche um eine Stelle als Schulpfarrer und bekam sie. Hanna Sahlfeld wollte noch einige Zeit weitermachen, mit Hilfe der Eltern und der Schwestern.

Als dann das Gerücht herumging, Sahlfelds stünden kurz vor der Scheidung, da wollte sie glaubwürdig bleiben. Jahrelang hatte sie in Artikeln und in Vorträgen erklärt, dass auch die Väter für die Kinder da sein sollten und dass die Männer den Frauen Freiraum schaffen sollten, damit diese ihre Fähigkeiten entfalten könnten. «Ich bin meinem Mann bis heute dankbar, dass er das gelebt hat», sagt sie. Sie nahm eine halbe Stelle in der Rheinischen Kirche als Schulpfarrerin an.

Politisch interessiert
Seitdem Hanna Sahlfeld pensioniert ist, beschäftigt sie sich vermehrt mit der Schweizer Politik und verfolgt hin und wieder auf der Tribüne die Diskussionen des Parlaments. Es habe sich einiges in Bezug auf Gleichberechtigung getan, stellt sie fest. Noch gebe es hängige Probleme, etwa die Lohngleichheit oder bessere Bezahlung in den sogenannten Frauenberufen. Dann fügt sie an: «Für die jungen Mütter im Nationalrat steht jetzt ein Stillzimmer zur Verfügung. Ich wünsche regen Gebrauch!»

Die eigentlichen Genderdebatten berühren sie weniger. Der Kampf für die Frauen, die in vielen Ländern unterdrückt werden oder die nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren können, beschäftigt sie mehr. Das hänge wiederum mit unserem Kaufverhalten und Lebensstil zusammen, meint sie kämpferisch. Damit wären wir bei aktuellen Initiativen in der Schweiz. Und beim Klimaschutz.

Käthi Koenig

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