Ein fast grenzenloses Feld

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13.11.2020
Seit dem «Fall Gottfried Locher» ist das Wort Grenzüberschreitungen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Doch was sind Grenzüberschreitungen? Die Traumatherapeutin Katharina Wissmann hat die Antwort.

Katharina Wissmann ist Traumatherapeutin mit eigenen Praxen in Ettenhausen und Winterthur. Mit Grenzüberschreitungen hat sie grosse Erfahrung. Grenzüberschreitungen – den Begriff Grenzverletzungen verwendet sie synonym – definiert sie so: «Wir alle haben einen Raum, in dem Berührung als sicher erlebt wird. Das ist subjektiv und von Mensch zu Mensch verschieden. Intakte Grenzen geben ein Gefühl von Sicherheit, und man fühlt sich wohl in seinem Körper. Es gibt aber viele Situationen, in denen diese Grenze überschritten wird, in einem überfüllten Zug zum Beispiel.» Ein Unwohlsein im Körper steige auf, vielleicht mit Angstgefühlen verbunden. Die Angst könne grösser werden und in einer Panik enden. «Unbewusst ziehen wir die Schultern hoch und den Kopf ein. Wir machen uns klein.»

«Du bist blöd»
Gemäss Katharina Wissmann gibt es eine Vielzahl von Grenzüberschreitungen. «Zum Beispiel der psychische Übergriff, der meist sogar tiefere Spuren hinterlässt als der sexuelle, da er subtiler ist und oft auch über längere Zeit stattfindet. Er hat etwas tiefgreifend Zerstörerisches für Betroffene.» Damit wolle sie die sexuelle Gewalt keineswegs klein reden. «Opfer haben oft einen langen Leidensweg.» Weitere Grenzüberschreitungen seien die körperliche Gewalt und Gewalt in der Wortwahl: «Du bist blöd». In diesen Bereich gehöre ebenfalls die sexuelle Nötigung, wo unter Drohung oder Gewaltanwendung das Opfer zu sexuellen Handlungen gezwungen werde. «Bei der sexuellen Belästigung fügt eine Person durch Berührung oder durch eine vulgäre Sprache dem Opfer Schadenzu.» Und, was Katharina Wissmann ebenfalls schon erlebt hat: «Wenn Erwachsene mit Kindern Pornos schauen. Das ist insofern auch problematisch, als bei Kindern die Sprache für das was passiert, noch gar nicht vorhanden ist».

Liste der Leiden ist lang
Wer definiert denn die Grenzen? Katharina Wissmann: «Die definiert jeder für sich. Da spielen diverse Dinge eine Rolle. Die psychische Widerstandsfähigkeit grundsätzlich ist entscheidend.» Zudem habe jeder Mensch unterschiedliche Ressourcen. Und jeder erlebe Körperlichkeit anders. «Es liegt an mir, meinen Körperwahrnehmungen zu trauen und Stopp zu sagen.» Und wie leiden von Grenzüberschreitungen betroffene Menschen? «Das Leiden kann sich über viele Körpersymptome zeigen. Angst und Angstzustände, Panikattacken und Phobien, Scham, Schuldgefühle, Schüchternheit, Kopfweh, fehlendes Selbstbewusstsein. Auch Depressionen könnten Hinweise sein.» Ohnmachtsgefühle, Hilflosigkeit, Misstrauen, Schlaf- und Essstörungen, Probleme mit dem Zyklus: die Liste der Leiden ist lang. Wichtig sei die Feststellung, dass sowohl Männer als auch Frauen von Grenzüberschreitungen betroffen sein können.

Nach Aufhebung des Lockdowns habe sie es (noch) nicht mit Grenzüberschreitungen zu tun gehabt. «Es dauert halt teilweise sehr lange, bis jemand Anzeige erstattet oder Hilfe holt.» Im Gegenzug habe sie wiederholt von Leuten gehört, dass diese das «Social Distancing» – also das verordnete Distanzhalten – sehr schätzten.

Stopp sagen, Hilfe rufen
Welches ist die beste Prävention gegen Grenzüberschreitungen? «Wenn man klar Stopp sagt und allenfalls um Hilfe ruft.» Den Kindern solle man die eigenen Grenzen bewusst machen. Inzwischen gebe es viele Hilfsangebote, auch Bücher und Kartensets, auch Schulen würden sich des Themas annehmen. Und der Kinderschutz Schweiz biete einen interaktiven Parcours zu diesem Thema an.

Esther Simon, kirchenbote-online

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