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Politik

Blog statt Kanzel

«Runter von der Kanzel und ab ins Internet!» So könnte eine Forderung lauten, wenn es um die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Digitalisierung geht. Christinnen und Christen betreiben Blogs und Foren, sind auf Facebook und Twitter präsent – schon lange vor den institutionalisierten Kirchen. Die Kirchen müssen diesen Stimmen zuhören und sie einbeziehen.

«Runter von der Kanzel und ab ins Internet!» So könnte eine Forderung lauten, wenn es um die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Digitalisierung geht. Natürlich müsste die Entscheidung zu Ungunsten der altehrwürdigen Kanzel ausfallen. Denn dass die Predigt gegen das Internet verliert, liegt doch auf der Hand. Diese frontale Form öffentlicher Rede, gehalten am Sonntagmorgen vor einer immer kleineren Zuhörerschaft, hat doch keine Chance gegen das Internet mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Oder sind Predigt, Kirchencafé und Sonntagsgottesdienst Bollwerke gegen die Scheinwelt, die uns durch das Internet zugemutet wird?

«Ja, es ist verlockend, die Predigt abzuschreiben und alle Hoffnung auf neue Medien zu setzen.»

Verlockung Internet
Beide Optionen sind Extrempositionen. Sie gehen an der Realität vorbei. Aller Verlockungen zum Trotz halte ich es für lohnend, einen Schritt hinter diese Krisendiagnosen zurückzutreten. Ja, es ist verlockend, die Predigt abzuschreiben und alle Hoffnungen auf ein neues Medium zu setzen. Erreicht man so nicht viel mehr und jüngere Leute als im klassischen Gottesdienst? Dahinter liegt ein Denkfehler: Man reduziert die Gruppe der Internetnutzerinnen und -nutzer auf ihre Grösse und findet in ihr die Zielgruppe der Verkündigung, die irgendwo da draussen im virtuellen Raum schwebt. Doch Kommunikation mit digitalen Medien ist mehr als numerischer Zuwachs.

«Erreicht man im Internet nicht viel mehr Leute als im klassischen Gottesdienst?»

Neue Medien retten Kirche nicht
Seit zwei Jahrzehnten bewegen sich Menschen im Internet, diskutieren in Foren und Blogs, tauschen auf Twitter, Instagram und Facebook Meinungen und Gedanken aus. Sie tun das nicht losgelöst von ihrem Alltag. Die Kommunikation über digitale Medien ist Teil ihres Lebens. Eine Trennung zwischen der künstlichen, digitalen Welt und dem echten Leben besteht nicht. Digitalisierung eilt der «analogen Kirche» nicht zur Rettung. Technische Innovation löst die Probleme der Kirche nicht. 

«Die Pioniere sind oft Menschen, die in der klassischen Kirchgemeinde vor Ort keinen Platz finden.»

Digitale Medien als Nische
Christliches Zeugnis, Austausch über glaubensbezogene Themen gab es im Netz schon vor der Diskussion um eine «digitale Kirche». Zahlreiche Stimmen sind bereits seit Jahren zu vernehmen. Oft sind es die Stimmen von Menschen, die in der klassischen Kirchgemeinde vor Ort keinen Platz finden. Sie haben sich aufgemacht, einen eigenen Platz zu finden, um ihre Form christlichen Glaubens leben können. Zu dieser Form gehört die Nutzung digitaler Technologien selbstverständlich dazu – nicht (mehr) als Einzelne, sondern im Austausch über digitale Medien.

Kanzel frei für Pioniere
Christlicher Glaube ist also schon lange online präsent – lange vor der öffentlichen Diskussion um eine «digitale Kirche». Die Pioniere haben mit ihrer Sehnsucht und Kreativität den Weg für die grossen Webauftritte bereitet. Sie wurden von den traditionellen Kirchen bloss zu selten gehört. Ihnen zuzuhören, ihnen vielleicht auch einmal die eigene Kanzel zu überlassen – das ist der Weg, auf dem analoge und digitale Kommunikation zusammenkommen. 

Aufgeben muss man dafür nichts. Nur Freiräume schaffen und den (ehemaligen) Pionieren für ihr Zeugnis Interesse und Wertschätzung entgegenbringen.

 

Text: Mara Fessmann | Foto: zVg – Kirchenbote SG, Oktober 2019

 

Mara Fessmann

Die Bloggerin Mara Fessmann studiert Katholische Theologie und Philosophie in Frankfurt am Main. Nebenbei arbeitet sie im Bereich digitale Kommunikation für den Jesuitenorden. Sie war Chefredaktorin der Internetzeitung theologiestudierende.de. 

www.blog.marawandelbar.de

 


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