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Religionen

«Ich liebe meinen Körper!»

Die US-Star-Pastorin Nadia Bolz-Weber steht zum Evangelium, so sehr, dass sie es auf ihrem Körper mit Tattoos verewigt. Als Referentin kam sie an das 25-Jahr-Jubiläum in die Offene Kirche Basel.

Auf dem Körper von Nadia Bolz-Weber gibt es nur wenige freie Stellen, auf denen ein weiteres Tattoo Platz hätte. Auf dem einen Arm prangt Maria Magdalena, und zwar deshalb, weil sie die «Apostelin der Apostel», die erste Zeugin der Auferstehung und höchstwahrscheinlich die erste Verkünderin des Evangeliums sei. Ihr anderer Arm zeigt Lazarus, der von den Toten auferweckt wurde. Bolz-Weber sind alle Tattoos wichtig, sogar jene aus ihren Jugendjahren.

Ikone der Ausgestossenen
Die 50-jährige Star-Pastorin aus den USA ist seit einigen Jahren die Ikone der Ausgestossenen. Hunderte besuchen ihre Gottesdienste. Als Theologin und Bestseller-Autorin erfüllt sie so gar nicht das Klischeebild der gottgefälligen Pastorin: Früher stand Bolz-Weber als Stand-up-Komödiantin auf der Bühne und war Alkoholikerin. Heute ist sie das Sprachrohr für all jene, die gesellschaftlich aus dem Rahmen fallen, und predigt über sexuelle Reformation in der Kirche und Tabus. «Es ist an der Zeit, Sünde neu zu fassen», sagt die Amerikanerin, die sich nicht verbiegen liess.

Das Leben als Achterbahnfahrt
Bolz-Webers Weg zur Pastorin war keineswegs vorgezeichnet. Im Gegenteil: Bis sie Jesus fand, sei ihr Leben eine Achterbahnfahrt gewesen, schreibt sie in einem ihrer Bücher. In einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, rebelliert sie, fängt an zu trinken und Drogen zu nehmen und stürzt ab. Die anonymen Alkoholiker helfen ihr aus der Sucht.

«Ich möchte keines meiner Tatoos missen.»

Als sie ihren späteren Ehemann, einen Pastor, kennenlernt, findet sie zu Jesus. Sie studiert Theologie, wird Pastorin der Evangelical Lutheran Church of America und gründet in Denver das Haus für alle Sünder und Heiligen. Sonntag für Sonntag besuchen Alkoholiker, Kriegsveteranen, Vorbestrafte und andere ihre traditionellen Gottesdienste. Auf den Erfolg ihrer Gottesdienste angesprochen, vermutet Bolz-Weber, dass sich die Leute bei ihr nicht verstellen müssen.

Tattoos als Ausdruck der Person
Auf die Frage, ob sie ihren Körper gerne gegen einen neuen, tattoofreien eintauschen würde, lacht sie: «Was für eine seltsame Frage. Das würde ja heissen, ich bereue etwas, was ich in meinem Leben tat. Das tue ich nicht. Und wenn doch, dann vertraue ich darauf, dass alles erlöst werden darf. Nein: Ich liebe meinen Körper, wie er ist, und möchte keines meiner Tattoos missen.»

Missbrauchter Sündenbegriff
Mit dem Wort Sünde kann sie nicht viel anfangen. «Der Begriff Sünde wurde lange und oft missbraucht, um Menschen einzuschüchtern und zu kontrollieren. Stattdessen sind wir doch alle komplizierte Wesen mit guten und bösen Anteilen, fähig zu Gutem und Bösem», hält Bolz-Weber fest. Davon zu sprechen, wir seien der Sünde verfallen, aus der wir uns nicht retten können, sei ein Versuch, den Menschen ihre Selbstachtung auszureden.

«Wir sollten gegenüber Menschen loyaler sein als gegenüber den Lehren der Kirche.»

Sünde sei einfach die menschliche Neigung, so richtig danebenzuhauen. «Wann immer wir die dunklen Seiten unseres Menschenseins verleugnen, geben wir den Schattenseiten unseres Lebens mehr Raum.» 

«Sexuelle Reformation»
In ihrem letzten Buch fordert Bolz-Weber eine «sexuelle Reformation», weil in der Vergangenheit die kirchlichen Lehren über Körperlichkeit und Sexualität eine Menge Schmerzen verursacht haben. Martin Luther habe zu seiner Zeit Gleiches erlebt. In der Folge habe er sich entschieden, als Seelsorger zu den Menschen statt zu den Dogmen der Kirche zu stehen. So traute er sich, die Glaubenssätze zu hinterfragen, die Menschen verletzten. Bolz-Weber möchte das genauso tun. «Wenn die Lehren der Kirche so viel Leid zufügen, dann müssen wir diese neu denken», ist sie überzeugt. «Wir sollten den Menschen gegenüber loyaler sein als gegenüber den Lehren der Kirche.»

Text: Toni Schürmann, Redaktor Kirchenbote Basel Stadt | Foto: zVg/Courtney Perry  – Kirchenbote SG, September 2019

 


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