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Spiritualität

Unabhängig und frei?

Konfirmation, harten Alkohol trinken, Party machen, so lange ich möchte, Berufs- und Studienwahl, sexuelle Identität(en) entdecken und entwickeln, wegziehen von meiner Familie und Schulfreunden, alleine reisen, WGs und andere Wohnformen ausprobieren: Das ist meine Mindmap von Erwachsenwerden. Die Theologiestudentin Rahel Weber macht sich anhand des biblischen Textes von Eli und Samuel Gedanken zum Erwachsenwerden.

Ganz anders sieht es aus, wenn ich einen Blick in das Erwachsenwerden vom biblischen Samuel werfe (1. Sam, 1-3). Da spielt Samuel selbst keine grosse Rolle. Vielmehr sind es seine Mutter Hanna, der Priester Eli und Elis Söhne, die Samuels frühe Biographie bestimmen. Ohne Hannas unerfüllten Kinderwunsch und ihr Gelübde hätte Gott ihr keine Kinder geschenkt. Ohne die untreuen Söhne Elis hätte Samuel seine Position als oberster Prophet Israels nicht bekommen. Und ohne Eli hätte Samuel bei seiner ersten Gottesoffenbarung nicht verstanden, dass Gott selbst zu ihm spricht. 

Radikale Abhängigkeiten
Die biblische Geschichte zeichnet eine Figur, die radikal abhängig ist von anderen Menschen und von Gott. Samuel selbst zeigt in seinem Erwachsenwerden keinen eigenen Willen. Er wird ohne zu fragen in den Tempel gebracht. Er wird ohne zu fragen zu einem Diener Gottes gemacht. Er tut bei der Gottesoffenbarung, wie Eli ihm rät. Kurz gesagt, Samuel gehorcht.

Wie anders ist es, wenn ich zu meiner Mindmap zurückkomme: Diese ist geprägt von eigenen Entscheidungen. Ein individueller Prozess. Soll ich mich konfirmieren lassen oder nicht? Soll ich Alkohol trinken oder nicht? Wann soll ich am Freitagabend nach Hause gehen? Was will ich einmal werden? In wen bin ich verliebt? Und so weiter. Die Möglichkeit und Herausforderung, dies alles selbst zu entscheiden, ist für mich ein wesentlicher Teil des Erwachsenwerdens.  

Anfang einer grossen Geschichte
Dagegen muss und kann der biblische Samuel keine eigenen Entscheidungen treffen. Seine Biographie ist vielmehr der Anfang einer grösseren Geschichte, nämlich der neuen politischen Ordnung Israels und ihrer theologischen Legitimation. Damit ist seine Biographie vor allem eines: Theo-politisch. Es geht nicht wirklich um Samuel, sondern um das Schicksal eines Kollektivs.

Dies lässt mich neu über meine Mindmap nachdenken. Ist meine Aufzählung wirklich ein individueller Prozess von eigenen Entscheidungen? Oder ist sie nicht auch radikal abhängig? Abhängig von Biographien der Eltern, von Bezugspersonen, von politischen und weltanschaulichen Bedingungen, kurz, von anderen Menschen und Gott?

Text: Rahel Weber, stud. theol., Basel/Gossau | Foto: Rorschacher Konfirmandenklasse  – Kirchenbote SG, Juli-August 2019

 


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