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Religionen

Prunk, Pest und von Watt in Wachs

Da sitzt er nun, der Humanist, Stadtvater und Reformator Joachim von Watt, genannt Vadian: leibhaftig in Wachs, in einem prunkvollen Zimmer. Um ihn herum weht der damalige Zeitgeist, den er stark mitprägte.

Dieses Eintauchen in die Zeit vor 500 Jahren macht das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen HVM in seiner Sonderausstellung «Vadian und die Heiligen» möglich. Alles dreht sich um die drei grossen Themen: die Entwicklung von Stadt und Abtei St. Gallen zwischen Spätmittelalter und beginnender Neuzeit, das Leben und Wirken Joachim von Watts (Vadian) und die damalige Kunst und Kultur in der Kirche.

Sehen, hören und verschieben
So trocken dies tönt: Die Zeit vor und nach der Glaubensspaltung wird nicht mit 500-jährigem Mief vermittelt. Da werden einerseits die schönsten Sammlungsobjekte aus der Spätgotik, der Renaissance und der Barockzeit gezeigt. Da können Figuren auf einem Stadtplan verschoben werden, auf dass ein Text dazu auf einem Bildschirm erscheint. Wer hören will, kann zuhören. Wer Ton und Bild liebt: Die kurzen Interviewfilme vermitteln kompakt viel Wissen. Und dann ist da noch Vadian, die lebensechte Schaufigur. Selbstbewusst, aber etwas nachdenklich sitzt er, etwa 60 Jahre alt, auf einem Stuhl.

«Haben Sie Fragen an Vadian? Sie wollen wissen, wie er ausgesehen hat?»

Präparator Marcel Nyffenegger hat ihn mit der Wachsfigur zum Leben erweckt. «Haben Sie Fragen an Vadian?», heisst es im Ausstellungsprospekt. Antworten gibt er hingegen (noch) nicht. Sie können aber ausführlich nachgelesen werden. So beispielsweise, dass von Watt mindestens fünf Pestzüge erlebt hat. Er nennt sie als Arzt Zeiten der «bösen Luft» und empfiehlt zur Vorbeugung Aderlass und Diät. Das Volk bedient sich der Heiligenbilder und des Weihrauchs als Heilmittel. 

Wer sich einlässt, braucht Zeit
Die Verehrung der Heiligen wird aber mit dem Aufkommen der Reformation auch in St. Gallen immer mehr hinterfragt. Sie sollen nicht mehr Vermittler zwischen Gott und dem Menschen sein. Die Thematisierung des Bildersturms, des Aufkommens der Wissenschaft, des Hungers nach mehr Wissen und der politischen Umwälzungen liegt auf der Hand und kommt in den Fokus. Ebenso die Frauen. Auch wenn damals von Gleichberechtigung keine Rede sein kann, so sind Scheidungen nun möglich, Eheversprechen können eingeklagt werden. – Dicht, abwechslungs- und aufschlussreich, auf kleinem Raum widerspiegelt die Ausstellung sehr lebendig, wie es damals war. Wer sich hineinziehen lässt, taucht bereichert wieder in der Gegenwart auf. Nur kurz durch Gang und Zimmer huschen, reicht aber nicht aus.

 

Text | Foto: Katharina Meier   – Kirchenbote SG, Juli-August 2018

 


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