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Politik

In der Fremde zu Hause

In den 1990er-Jahren hat die Gerontologin Jeannine Bächle-Wildberger mit unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern gearbeitet – mit Kindern, die ohne Eltern in ein fremdes Land geschickt wurden, um in Sicherheit zu sein. Jetzt hat sie ein bezauberndes Kinderbuch herausgegeben: «Fridolin – in der Fremde zu Hause». Fridolin ist ein kleiner roter Kater.

Die in der St.Galler Altstadt lebende Jeannine Bächle war 40 Jahre lang in der Sozialberatung für kommunale und staatliche Institutionen und Behörden für Kinder und Erwachsene tätig. Sie war bei Anhörungen unbegleiteter Flüchtlingskinder dabei und erlebte eins zu eins, was es bedeutet, ohne Eltern weggehen zu müssen. Diese Kinder haben alles verloren: Familie, Freunde, Kultur, Sprache, Alltag. Sie sahen Menschen sterben, sind traumatisiert – sie leben im leeren Raum. Der wichtigste Fluchtgrund ist Krieg. Und die Eltern schicken ihre Kinder auf die Flucht – und bezahlen dafür. Kein Kind flieht freiwillig ohne Eltern. Manche haben ihre Eltern auch auf der Flucht verloren.

«Das Buch ist eine Möglichkeit, Kindern zu erklären, was Flucht vor dem Krieg bedeutet.»

Ventile öffnen sich
Bei grösseren Kindern seien die Erzählungen von ihrer Flucht, als ob sich Ventile öffneten, sagt Jeannine Bächle. Damals schon schrieb sie den Text des Kinderbuchs «Fridolin». Als vor zwei Jahren sehr viele unbegleitete Minderjährige in die Schweiz kamen, beschloss sie, das Buch herauszugeben und es selber zu illustrieren: «Kinder haben ein Anrecht darauf, zu erfahren, warum in vielen Ländern Krieg herrscht. Sie kommen nicht darum herum, mit Kriegsmeldungen konfrontiert zu werden und wollen wissen, warum diese Kinder in die Schweiz kamen, warum in unser Dorf, in unsere Stadt. In vielen Klassen sind heute Flüchtlingskinder. ‹Fridolin› ist eine Möglichkeit, Kindern zwischen sechs und zehn Jahren zu erklären, was Flucht vor dem Krieg bedeutet», sagt Jeannine Bächle. 

Wir haben immer Heimweh
«Fridolin» hat nur ein vorläufiges Happy End. Das Ende bleibt offen. Zwar findet er seine Schwester Inka wieder, aber er kehrt nicht in die Heimat zurück. Gemeinsam schreiben sie dem Suchdienst des Roten Kreuzes einen Brief; sie hoffen, ihre Eltern und die Geschwister wieder zu finden. «Wir haben immer wieder Heimweh», schreiben sie.

Das Buch «Fridolin» ist in der Buchhandlung zur Rose, Gallusstrasse 18, St.Gallen, erhältlich.

 

Text: Margrith Widmer | Foto: Regina Kühne  – Kirchenbote SG, Juni-Juli 2018

 

«‹Fridolin› als Türöffner zum Verständnis von Flüchtlingen»

 Wie erklärt man Schweizer Kindern, wie sich Flüchtlingskinder hier fühlen müssen?
Kinder werden aus dieser Katzen-Fluchtgeschichte jene Fragen herauspicken, die sie persönlich interessieren, und Fragen stellen. Sie sehen, dass Fridolin Hilfe braucht und sie merken, dass sie selber in einem sicheren Land leben, dass sie umsorgt werden, zu essen haben und keine Angst haben müssen. Kinder haben ein Recht auf Wahrheit bei den Themen Krieg und Flucht – aber in einem geschützten Rahmen. Das ermöglicht Kindern, zu verstehen, was Weggehen von zu Hause bedeutet.

Und warum ist es eine rote Katze mit weissen Flecken?
Fridolin ist keine Allerweltskatze: Er hat weisse Flecken, eine weisse Pfote und einen weissen Latz – das haben nicht alle Katzen – Kinder wissen, dass Flüchtlingskinder «anders» sind. Das hilft, die Schicksale dieser Kinder und Jugendlichen fassbarer zu machen und vorurteilsfreier anzuschauen. Besonders das Schicksal eines achtjährigen Knaben, ohne Begleitung von Mutter oder Vater, hat mich sensibilisiert, diese Geschichte zu schreiben. Flüchtlingen aufmerksam zuzuhören, ist wichtig.

Welche Ratschläge sind wertvoll für unbegleitete minderjährige Asylsuchende?
Das, was der alte Kater Mäxi, den Fridolin auf der Flucht trifft, sagt: «Viele Menschen in diesem wunderbaren Land verstehen unsere Sprache und Sitten nicht. Höre einfach gut zu und stelle Fragen. Versuche immer wieder auf andere zuzugehen. Erzähle viel von dir. Weisst du, je mehr die andern von dir wissen, desto weniger fremd wirst du für sie sein, und desto weniger Angst müssen sie haben.» Wenn Fridolin später seltsam angeschaut wird, erinnert er sich daran: «Diese Menschen haben ja meinen Gruss gar nicht verstehen können, und mein Fell ist mit den weissen Flecken ja auch nicht gerade alltäglich.»

Wie sind die Reaktionen auf «Fridolin»?
Überwältigend. Das habe ich nie so erwartet. Das Buch gebe eine Handhabe, über Flucht und Sicherheit zu sprechen, schrieb jemand.

 

Interview: Margrith Widmer, Teufen


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