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Gesellschaft

Tiere in der Kirche

Sind Vegetarier die besseren Menschen?

09.05.2022
Gemäss Ethikprofessor Peter G. Kirchschläger wurden biblische Texte falsch interpretiert. Diese Auslegung sei schuld an einem falschen Umgang mit Tieren.

Herr Kirchschläger, der Philosoph René Descartes bezeichnete Tiere als Maschinen, da sie keine Vernunft und keine Sprache hätten und nicht intelligent handeln könnten. Heute undenkbar, nicht?
Das Verständnis von Tieren wird immer von dem wissenschaftlichen Denken der jeweiligen Zeit geprägt, auch heute. Die heutigen Erkenntnisse über Tiere helfen uns in der Ethik.

Was ist der richtige Umgang mit Tieren, aus ethischer Sicht?
Aufgrund ihrer Verletzbarkeit sind Tiere moralisch relevante Wesen. Als Menschen sollten wir aufgrund unserer Fähigkeit zur Moral in unseren Handlungen nach dem Guten und Richtigen streben. Wir sollten deshalb Tiere gut behandeln und sie in ihrem Wesen achten.

Der grosse Theologe Karl Barth meinte, dass Menschen und Tiere von Gott beseelte Wesen, also mit Geist und Seele begabte Lebewesen, seien. Barth forderte einen sorgfältigen, rücksichtsvollen und verständnisvollen Umgang mit Tieren. Würden Sie das unterschreiben?
Karl Barths Erkenntnisse sprechen mich sehr an. Wir sollten konsequenter zu einem rücksichtsvolleren Umgang mit Tieren kommen, unter Beibehaltung der Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.

Hat auch das Tier eine Seele?
Darüber müsste ich noch mehr nachdenken. Ich bin etwas zurückhaltend, die Tiere mit einer Seele zu versehen.

Die Kirche bietet Segnungen von Tieren an. Finden Sie diese Symbolik sinnvoll?
Es scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein, den Beziehungen zwischen Mensch und Tier gerecht zu werden, da Menschen insbesondere zu Haustieren eine äusserst enge Beziehung pflegen. Zudem können wir dadurch würdigen, dass Tiere ein wichtiger Teil der Schöpfung sind.

Kommen Tiere in den Himmel?
Da Tiere ethisch relevant sind, würde ich denken, dass das ewige Leben, auf das wir in unserem Glauben an die Auferstehung hoffen, vermutlich auch für sie eine Perspektive kennt.

Die klassische christliche Lehrmeinung sieht den Menschen als die Krone der Schöpfung. Gott hat die Tiere nur für die Menschen geschaffen, sie sind den Menschen untergeordnet. Ist diese Auslegung richtig?
Die entscheidende Frage scheint mir, was wir unter der Krone der Schöpfung verstehen. Die Idee, die hinter der Krone der Schöpfung steht, ist nicht ein Tyrann, sondern sind Herrschende, die Sorge zu dem tragen, was ihnen anvertraut wurde. Wenn wir die Krone der Schöpfung sind, ist es unsere Aufgabe, unsere Verantwortung wahrzunehmen und zur Schöpfung Sorge zu tragen und damit zu den Tieren.

Muss die Bibel also neu ausgelegt werden?
Ich sehe keine Schuld in den biblischen Texten. Sie zeichnen ein schönes Bild vom Umgang mit den Tieren und von der Verantwortung für die Tiere und für die gesamte Schöpfung. In der Bibel vertraut Gott den Menschen die leitende Aufgabe an, das ist Gabe und Aufgabe zugleich. Schuld tragen vielmehr Fehlinterpretationen der biblischen Texte. Für mich ist es ein grosses Fragezeichen, wie man den Schöpfungsbericht so lesen kann, dass der Mensch als Krone der Schöpfung tun und lassen kann, was er will, dass er die Natur ausbeuten und zerstören darf im Dienst rein ökonomischer Partikularinteressen.

Hat somit die christliche Lehre Mitschuld am falschen Bild des Tieres?
In der christlichen Tradition gibt es eine gewisse Schuld oder Mitschuld betreffend die Zerstörung der Natur. Durch ein rein wirtschaftlich motiviertes Denken glaubte man, dass man Tiere im Dienst des Menschen ausbeuten dürfe, obwohl dafür jegliche biblische Grundlage fehlt.

Schützen wir die Tiere zu wenig?
In der Fleischindustrie wird den Tieren im Dienst der Gewinnmaximierung sehr viel angetan, obwohl es tiergerechtere Wege gäbe. Es stellt sich ethisch zudem die Frage, ob man am Fleischkonsum festhalten sollte. Etwa wenn man bedenkt, wie viel Boden und Wasser dafür in Beschlag genommen wird. Falls man am Fleischkonsum festhalten möchte, ist das dringendste Anliegen, dass man das Tierwohl konsequenter umsetzen muss.

Kürzlich stimmte die Schweiz darüber ab, ob Forschungen mit Tieren verboten werden sollten. Die Initiative wurde abgelehnt. War das ethisch richtig?
Wir müssen abwägen, welchen Zweck wir mit dieser Forschung erreichen wollen, ob es zum Wohle des Menschen, zur Heilung und Linderung von Krankheiten und Schmerzen ist. Bei dieser Abwägung gibt es gute Gründe, dass Tiere, wenn es keine anderen Optionen gibt, im Zuge eines rücksichtsvollen, gezielten, eingeschränkten und vorsichtigen Umgangs in der medizinischen Forschung eingesetzt werden können. Im Bereich der kosmetischen Forschung sollte man klar eine rote Linie ziehen. Zudem ist es ja möglich, ohne Tierversuche hochwertige und nachhaltige kosmetische Produkte herzustellen.

Sind Vegetarier die besseren Menschen?
Ich wäre grundsätzlich vorsichtig damit, Menschen als besser oder schlechter zu bezeichnen. Es sind die Handlungen und Entscheidungen, die man als richtig oder falsch beziehungsweise als gut oder schlecht bezeichnen sollte. Vegetarisch zu leben, ist aus ethischer Perspektive eine gute Entscheidung.

Sind Sie selbst Vegetarier?
Ich bin auf dem Weg, Vegetarier zu werden; ich muss aber zugeben, dass mir das nicht immer leichtfällt.

Interview: Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online

Peter G. Kirchschläger, 45, ist Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik (ISE) der Theologischen Fakultät der Universität Luzern und unter anderem Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologien im Ausserhumanbereich (EKAH).

Vortrag: «Das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren aus ethischer Perspektive», Dienstag, 10. Mai, 18.15 Uhr, Ökumenisches Institut, Universität Luzern


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