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Kultur

Wenn Kultur fehlt

Was fehlt, wenn Kultur fehlt?

20.09.2021
Es mag auf dieser Erde wohl andere Lebensformen mit Kultur geben. Für den Fall seines Aussterbens sind diese jedoch für den Menschen irrelevant. So dass das, was wir im weitesten Sinne des Wortes unter Kultur verstehen, erst mit dem Auslöschen des Menschen verschwinden würde.

In einer enger gefassten Definition von Kultur sind damit vor allem die „schönen Künste“ gemeint. Kultur ist die Essenz unserer Gesellschaft und lässt sich nicht isolieren oder digitalisieren. Am 12. März 2020 rief die WHO die Pandemie aus, was zu tiefgreifenden Veränderungen in diversen Bereichen des Lebens und Zusammenlebens führte, mit den Corona-Lockdowns unter anderem zur Schliessung von Ausstellungsräumen, Dancefloors, Theater- und Konzertbühnen sowie Kinosälen, Chöre durften nicht mehr singen, Menschen sich nicht mehr treffen.

 

Für die Kunstschaffenden bedeutete der Wegfall all dieser Orte der Kunst und Kultur nicht nur mangelnde Sichtbarkeit der eigenen Arbeit, sondern auch eine gewisse Isolation, denn die Kulturszene lebt vom Austausch und der gegenseitigen Inspiration, Befruchtung und Stärkung. Damit einzelne erfolgreiche Namen wachsen können, die eine gesteigerte Aufmerksamkeit und Relevanz erlangen, braucht es einen grossen, lebendigen kulturellen Kosmos, einen dichten Humus von Kulturschaffen.

Mit dem Wegfall der Ausstellungs- und Auftrittsmöglichkeiten fielen nicht nur die geschützten Freiräume weg, in welchen experimentiert, gefragt und vor allem hinterfragt werden konnte. Es verschärfte sich auch für viele Kulturschaffende die schon vor der Corona-Krise prekäre finanzielle Lage. Eine Studie von Suisseculture Sociale kommt zum Schluss, dass mehr als die Hälfte aller Kulturschaffenden in der Schweiz 40'000 Franken oder weniger pro Jahr verdienen und dass die soziale Absicherung der Kulturschaffenden im Pensionsalter und bei Erwerbsausfall mangelhaft ist. Mit dem Wissen um die schon vor der Pandemie schwierige finanzielle Situation vieler Kulturschaffenden fand der Kanton Zürich, später gefolgt von Basel, einen gesamtgesellschaftlich interessanten und zukunftsweisenden Ansatz zur Unterstützung von hauptberuflich und selbständig erwerbend künstlerisch Tätigen. Diese bekamen für einige Monate ein fixes monatliches Ersatzeinkommen, einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ nicht unähnlich, da es für einmal nicht um Qualitätsansprüche und ausweisbare Erfolge ging, sondern bewusst um den Erhalt der kulturellen Vielfalt einer lebendigen und brodelnden Kulturlandschaft.

 

In Schweizer Städten gibt es eine Fülle von grossartigen kulturellen Einrichtungen und auch auf dem Land sind Kulturperlen auszumachen. Diese Orte der Kultur sind wesentlich für unsere Gemeinschaft, denn Kultur schafft Orte des Austausches und der Förderung der Gemeinschaft, Orte des Lernens, Orte der Reflexion und der Sinnstiftung, Denkräume, Möglichkeitsträume. Dadurch ist Kultur ein Grundpfeiler für Innovation und Weiterentwicklung der Gesellschaft. Dass Menschen zusammenkommen, zusammen etwas anhören, anschauen und reflektieren, gemeinsam an etwas teilnehmen und erschaffen, gehört zum Wesen der Kultur und dadurch auch des Menschseins.

Während der Pandemie war dies zeitweise nicht mehr möglich. Es gab viele Versuche, pandemietaugliche digitale Formate für die Kunst zu finden, darunter auch sehr spannende Experimente. Abgefilmte und gestreamte Theaterstücke oder Konzerte geben wohl einen Eindruck des Geschehens wieder, kommen aber nie an eine Live-Vorführung heran. Die archaische Form des Zusammenkommens und gemeinsam an einer Handlung Teilzunehmens, hat eine Kraft, die sich nicht in den digitalen Raum transformieren lässt.

So hat ein Theater- oder Konzertbesuch seine ganz eigene, ihm innewohnende Poesie: Von unterschiedlichsten Orten her strömen Menschen, die sich meist nicht kennen, durch die Stadt, nehmen einen Weg auf sich, um zu einer bestimmten Zeit an diesen bestimmten Ort des Geschehens zu gelangen und dort gemeinsam an einer Vorführung teilzunehmen. Und diese kommt wiederum nur zustande, weil andere Menschen über mehrere Wochen oder Monate all ihre Energien für diesen speziellen Anlass gebündelt haben.

Andere Formate, die bewusst für die Kamera oder den digitalen Raum konzipiert und produziert wurden, funktionierten besser und ermöglichten einem grösseren Publikum Teilnahme an Anlässen. Deswegen von Demokratisierung der Kunst zu sprechen, scheint mir dennoch voreilig. Die perfekte Übertragungstechnik und die perfekte Empfangstechnik können einer grossen Schar von Menschen vielleicht das perfekte Konzert nach Hause bringen, doch sowohl die Herstellung dieser Technologien wie auch das Übertragen der Information braucht viel Ressourcen und Energie.

So braucht es jemanden, der für die Herstellung all dieser Geräte in der Erde nach seltenen Erden und anderen Rohstoffen buddelt, jemanden, der die Abfälle der Atomaren Kraftwerke wegträgt und diese für Jahrtausende hütet und es braucht jemanden, der die tot vom Himmel fallenden Bienen auffängt und beweint. Ob dieser Demokratisierungsbegriff auch all diese „jemanden“ einschliesst, mag ich zu bezweifeln.

Während des Ausnahmezustands der Coronazeit fanden auch starke Veränderungen in unserer Gesprächskultur statt. Viele Menschen mussten die Erfahrung machen, dass ein Gespräch über das Thema Covid nicht ohne Streit, Gehässigkeiten, bis hin zu Sanktionen wie Abbruch der Beziehungen und gesellschaftlichem Ausschluss möglich ist. Je nachdem, welche Erfahrung man selbst und in seinem nächsten Umfeld mit Krankheit, Leid und Tod im Zusammenhang mit Covid machen musste, wie stark man durch die Covid-Einschränkungen finanziell in seiner Existenz bedroht ist und welche Medien und Stimmen man verfolgt, ergibt sich eine unterschiedliche Wahrnehmung der Covid-Situation.

Mit diesen Unsicherheiten des „Nicht sicher Wissens“ müssen wir wahrscheinlich leben lernen, denn erst wenn das Virus und vor allem die Wechselwirkung zwischen Virus und menschlichem Handeln – unseren Corona-Massnahmen – genügend erforscht sind, werden wir uns aus einer zeitlichen Distanz heraus eine Wahrheit kreieren können.

So lange wir noch mitten in der Krise stecken, sollten wir nicht anders Denkende verurteilen, sondern uns daran erinnern, dass Gespräche uns ermöglichen, mit unserem Gegenüber in Austausch zu treten und eigene Gedanken und Erfahrungen mit denen anderer Menschen zu vergleichen, zu revidieren oder in andere Bahnen zu lenken. Und oft entstehen neue Erkenntnisse und Gedanken erst im Gespräch und im Zusammenfluss unterschiedlichster Meinungen und Ansichten. Und als eine Art des Dialogs können auch die „schönen Künste“, die Kultur als Ort des Austausches und der Förderung von Gemeinschaft, als Ort der Reflexion und der Sinnstiftung wichtige Denkräume eröffnen. Doch dazu müssen wir Kultur auch in Krisenzeiten pflegen, leben und leben lassen. Kultur ist für das Menschsein essenziell.

Isabel Rohner, Performance-Künstlerin, Mohren (Reute)


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