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Spiritualität, Kultur

Wenn Klang berührt

Die Bedeutung von Klang

03.04.2021
Was wäre eine Alpfahrt ohne Schellen, Chlausen ohne Rollen, ein Naturjodel ohne klangvolles Gradhäbe und eine Streichmusik ohne Hackbrett? Wenn wir uns diese Fragen stellen, wird uns bewusst: Der Klang ist die Basis der Alpkultur, beidseits des Säntis, im Appenzellerland und im Toggenburg! Oder wie es Hansruedi Ammann im Film «Johle und Werche» von Thomas Lüchinger sagt: «En Alp ohni Schelle isch doch tot!»

Die Bedeutung von Klang in der Alpkultur

Von der sennischen Stimme eines Zäuerlis bis zum Klang von Schellen, Rollen und Talerbecken sind immer viele Obertöne, auch Naturtöne genannt, im Spiel. Und es sind diese vielen Teiltöne über dem Grundton, die Hühnerhaut bewirken und «s’Wasser i d’Auge triebt». Schellen und Rollen werden vermessingt, Talerbecken im Feuer gebrannt; und das Hackbrett hat fünf Saiten für einen Ton, damit möglichst viel Reibung, viel Interferenz (wie die Akustiker sagen) erzeugt wird: Obertöne, Naturtöne machen den Klang des Grundtons farbig und intensiv. Und das ist das, was wir an «sennischen» Stimmen, am Singen der Schellen und am obertonreichen, ja silbrigen Klang des Hackbretts so lieben! 

 

Die Bedeutung von Klang in allen Religionen

Was wäre ein Gottesdienst ohne Orgel, ein Feuerritual ohne Gong, was wäre eine Meditation ohne Klangschalen. Diese Fragen machen uns bewusst, dass Klang in allen Religionen rund um die Erde, vom Schamanismus bis zu den Hochreligionen, eine zentrale Rolle spielt. Auch dort sind Tränen und Hühnerhaut im Spiel, ja dort führt uns Klang gar über den Käfig unseres Denkens hinaus. Plötzlich fühlen wir uns mit allen und allem verbunden – die duale Welt von Rechthaben. Dogmen und Streit wird transparent, in Gnadenmomenten sogar transzendent.

Was ist es denn, was uns im Klang so tief berührt und über uns hinausführt? Klang ist Schwingung, die wir mit dem ganzen Körper aufnehmen – wir hören mit Ohren, Haut und Knochen. Und wenn wir bedenken, dass wir aus 86% Wasser bestehen, können wir uns kaum vorstellen, was die Schwingungen des Klangs mit dem flüssigen Teil unseres Körpers macht. Die Schwingungs-Energie des Klangs erreicht uns bis in unsere Zellen und lässt uns spüren, dass wir mit Allem verbunden sind; Klang lässt uns die tiefe Bedeutung von «religio» - verbunden sein – körperlich erfahren.

Und aus diesem Grund sind Kirchen Klangräume! Jede Jodlerin und jeder Sänger, jede Musikerin und jeder Musiker wird Ihnen bestätigen, dass ihre Stimme, ihr Instrument nirgends so wunderbar klingt, wie in einer Kirche von Grubenmann oder einem anderen genialen Architekten oder Baumeister. Im Grunde genommen könnte man sagen: In einem akustisch gut gebauten Raum begegnet der Klang sich selbst – und diese Begegnung erzeugt Resonanz – Antwort!

 

Die universelle Bedeutung von Klang

Damit sind wir bei der Grundfrage: Was ist denn Klang – was ist dieses Phänomen, das Hühnerhaut erzeugt, Tränen fliessen und uns Raum und Zeit vergessen lässt? Der erste Mensch im abendländischen Kulturkreis, der diese Frage gründlich studiert und beantwortet hat, ist Pythagoras, der griechische Mathematiker und Philosoph. «Ja klar, das ist der mit dem Hypotenusen-Quadrat», höre ich Sie sagen. Und in der Tat, Pythagoras hat Dreiecksberechnungen und viele andere Formeln der Geometrie erfunden. Da war er Mathematiker und brauchte seine rationale und berechnende Hirnhälfte. Aber im Unterschied zu vielen Forschern unserer Zeit, nutzte er auch seine intuitive Seite und beschrieb das, was er im Weltall hörte, als Sphärenmusik!

Was er intuitiv hörte, untersuchte er dann wieder mit seiner rationalen Hälfte, baute sich ein Monochord mit verschiebbaren Stegen und fand so das Gesetz der Natur- oder Obertonreihe. Indem er die gehörte Musik auf seinem Instrument nach Tonhöhen ordnete, fand er eine ganzzahlige Reihe von Proportionen, die die Struktur des Klangs ausmachen: Oktave, Quinte, Quarte, verschiedene Terzen, verschiedene Ganztöne, Halbtöne und immer kleinere Intervalle, nie endend! Dieses Gesetz, das Pythagoras fand ist ein Grundgesetz, eine Matrix in Formen, die wir mit den Ohren hören und mit den Augen sehen. Was diesen Proportionen entspricht, empfinden wir als schön und trifft uns in unseren tiefsten Schichten. So begegnen sich nicht nur Kirchenräume, Kristalle, Blütenstände, Blattformen, subatomare Strukturen und Spiralnebel des Universums im Klang sich selbst – sondern auch wir spüren intuitiv, dass uns Klang mit den Tiefen der Schöpfung verbindet!

 

Klang und Stille

Farben entstehen aus Interferenzen, Brechungen des Lichtes. Wir erleben das im Regenbogen immer wieder ganz neu und wunderbar. Klang entsteht aus der Brechung der Stille. Oder anders gesagt: Klang kommt aus der Stille und kehrt zur Stille zurück.

In meiner Ausbildung 1968 bis 1973 am Konservatorium Zürich war Klang kein Thema. In Prüfungsdiktaten wurden wir mit Melodien, Akkordfolgen und Rhythmen getestet. Melodie, Harmonie und Rhythmus – das waren die drei Parameter aus denen Musik «gemacht» ist. Klang – das war die Auswahl der Instrumente und Stimmen: die eher obertonarme Blockflöte oder der obertonreiche und darum farbige Klang der Oboe, der reine Klang einer klassischen Stimme oder der erdige Groove einer Bluessängerin. Erst im letzten Semester kam der zeitgenössische Komponist Karl Heinz Stockhausen für ein wöchiges Seminar und liess uns mit Klängen – ganz ohne Melodie, Rhythmus oder Harmoniefolge – komponieren.

Diese Woche mit Stockhausen hat mir die geistige Dimension des Klangs erschlossen und mir war klar: Was bis heute in Wirtschaft und Forschung gilt, gilt auch in der Musiktheorie: Was quantitativ erfassbar ist, gilt als interessant – was qualitativ erfahrbar ist, wird ignoriert. Wir erleben genau jetzt eine Zeit, in der dieses seit Galileo Galilei gültige Paradigma in Frage gestellt und die Vorherrschaft von Messbarkeit und Kontrolle gestürzt wird!

Ebenfalls kein Thema war im Musik-Studium das Phänomen der Stille. Die Pause, das war die Abwesenheit von Musik. Aber in den Pausen von Pablo Casals, wenn er die Cellosolo-Suiten von Bach spielte, und in den ein- und ausschwingenden Tönen der Trompete von Miles Davis hörte ich schon zu dieser Zeit mehr. Das heisst mehr, als das was uns gelehrt wurde – aber auch die Erfahrung, dass in der Pause in der Stille ein «Mehr» spürbar ist. Die Stille ist das Potential – oder das Meer der Möglichkeiten, wie es in der Quantenphysik heisst.

Ein Buch von Zen-Meister Niklaus Brantschen trägt den genialen Titel «Mehr als alles». Das ist es doch, was die Not unserer Zeit braucht: Das Mehr im Weniger entdecken – statt versuchen im immer Mehr glücklich zu werden. Und so wird Musik, werden Klang und Stille – vom obertonreichen Klang der Schellen bis zum Verklingen eines Zäuerlis zu Lehrmeisterinnen, die uns nicht nur in unseren tiefsten Schichten berühren, sondern die uns das zeigen und erfahrbar machen, was in unserer Zeit das Aller-Notwendigste ist: Entdecken wir das Mehr im Weniger!

Peter Roth, Musiker und Komponist, Unterwasser

Hier erwarten Sie 17 vielfältige Viedeobeiträge zum Thema «Zauberklang der Dinge»! Viel Vergnügen!


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