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Leben & Glauben

Schwierige Umstände meistern

Resilienz

27.01.2021
Was hilft uns, schwierige Lebensumstände zu meistern? Welches sind unsere inneren Kräfte, unsere Ressourcen? Was hilft z.B. bei der Bewältigung einer Pandemie? Und hilft der Glaube an Gott resp. eine persönliche Spiritualität?

Ist der Glaube nur etwas für schwache Menschen, die eine Krücke brauchen, weil sie es sonst nicht schaffen? Oder macht er gar krank, wie es Tilmann Moser in seinem Buch «Die Gottesvergiftung» eindrücklich beschreibt?

Die Frage nach der Resilienz stellten sich Forscher, indem sie Kinder untersuchten, die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind. Über Langzeitstudien (40 Jahre) wurde beobachtet, welche Auswirkungen diese Umstände (z.B. eine psychische Erkrankung eines Elternteils oder Aufwachsen in grosser Armut) hatten. Und da stellte man fest, dass manche Kinder trotz widriger Umstände zu seelisch gesunden und auch glücklichen Erwachsenen heranwuchsen, und dies in der Regel auch blieben. Und so begann man zu erforschen, was dazu beitrug, dass sie fähig waren, mit ihren widrigen Lebensumständen umzugehen. Diese Fragen sind jetzt ganz besonders aktuell angesichts der Pandemie. Was hilft uns, auch seelisch einigermassen gesund zu bleiben in dieser Zeit? Wie stärken wir unsere Widerstandskraft? Welches sind die Vitamine, die unsere Seele braucht?

Resilienzforschung

Die Resilienzforschung hat äussere und innere Faktoren herausgearbeitet. Äussere Faktoren sind z.B. die familiären Verhältnisse, Unterstützung durch eine Lehrkraft, das Eingebettetsein in eine Gruppe oder Kirchgemeinde, Freundeskreis, Nachbarschaft. Dh wenn ein Kind in Armut aufwuchs, aber liebevolle, unterstützende Eltern hatte, oder wenn es dies zwar nicht hatte, aber dafür eine Lehrperson, die das Kind förderte, waren dies äussere Faktoren. Die Pandemie macht denn auch deutlich, dass Alleinstehende es eher schwerer haben in der Pandemie.

Neben äusseren Faktoren spielen innere Fähigkeiten eine grosse Rolle. Einige von ihnen haben wir von Geburt an, z.B. Intelligenz, die ein Resilienzfaktor ist (sie erhöht die Fähigkeit, Ereignisse unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten).

Eine wichtige Fähigkeit ist, die eigenen Emotionen regulieren zu können. Wir alle kennen Gefühle wie Zorn, Trauer, Freude. Wenn ich jedoch als erwachsener Mensch in einem Wutanfall einen anderen Menschen verletze, fehlt es mir an der Fähigkeit, meine Emotionen zu regulieren. Diese Fähigkeit ist keineswegs gleichzusetzen mit einem gleichförmigen, emotionslosen Dasein ohne Höhen und Tiefen, ganz im Gegenteil. Zur psychischen Gesundheit, emotionalen Intelligenz und Resilienz trägt es im Gegenteil bei, dass wir gefühlsfähig sind. Wir alle erleben es ab und zu, dass wir Gefühle nicht immer unter Kontrolle haben. Doch wenn wir ihnen ständig hilflos ausgeliefert sind ohne sie steuern zu können, sind wir nicht resilient.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Erwartung, dass ich aufgrund eigener Fähigkeiten etwas bewirken und ich auch in schwierigen Situationen selbständig handeln kann.

Paulus zum Durchhalteverständnis

Für mich hat Paulus diesen Faktor benannt, als er den Sklaven anriet, ihre innere Freiheit in Christus zu leben, denn ein Sklavenhalter sei ja umgekehrt ein Gefangener Christi (1. Kor 7,22). Ein Sklave ist – wie auch ein politischer Gefangener – in einer maximal unfreien Situation. Er ist vollständig ausgeliefert und kann sich nicht gegen die Launen seines Sklavenhalters oder Gefängniswärters wehren. Paulus zeigte den Sklaven einen Weg auf, wie sie sich innerlich befreien können und zur eigenen Selbstwirksamkeit zurückfinden. Diese innere Freiheit kann kein Sklavenhalter rauben (dass er missbraucht wurde, um später Sklaverei zu rechtfertigen, steht auf einem anderen Blatt!)!

Dietrich Bonhoeffer zum Durchhalteverständnis

Bonhoeffer hat diese innere Freiheit in dem Gedicht «wer bin ich» beschrieben, welches ich in Auszügen wiedergebe:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
 
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
. . .

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
 
Wer bin ich? Der oder jener?. . .
 
Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Was jetzt gefordert ist

Eine zu Coronazeiten besonders geforderte Fähigkeit ist diejenige, mit Ungewissheiten umgehen zu können. Wenn diese Fähigkeit fehlt, kann ich z.B. nicht damit umgehen, dass die Unberechenbarkeit von Corona alle Planungen und überhaupt alles immer wieder über den Haufen wirft. Die Fähigkeit, Beziehungen aktiv zu gestalten, wird auch stark auf die Probe gestellt: wie gestalte ich die Beziehungen auf andere Art und Weise, wenn Begegnungen erschwert oder gar verunmöglicht sind? Wie gehe ich damit um, dass Nähe oft nur virtuell möglich ist?

Auch zur Resilienz gehört die Fähigkeit, die eigene Erregung zu regulieren. Dh ob ich unter Stress in starke Anspannung gerate oder über Techniken verfüge, wie ich mich selbst wieder beruhigen kann. Das Achtsamkeitstraining nach Jon Kabat-Zinn, der seine Methode überwiegend aus der buddhistischen Zen-Meditationspraxis entnommen hat, ist eine Methode, in der man dies einüben kann, auch autogenes Training, und auch Kontemplation gehören dazu, auch wenn letztere nicht die Entspannung als erstes Ziel hat.

Die Fähigkeit, Unabänderliches zu akzeptieren anstatt Energien darauf zu verschwenden, es zu bekämpfen, gehört auch zur Resilienz, sowie umgekehrt die Fähigkeit, Veränderbares anzupacken. Das berühmte Gebet um Gelassenheit spricht genau dies aus: «Gott, schenke mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu verändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.» Ich habe mich schon ertappt beim Wunsch, dass die Verschwörungstheoretiker ihre Energien in den Kampf um Solidarität mit Pandemieopfern investieren würden.

Eine persönliche Lösungsorientierung anstatt Problemorientierung trägt auch zur Resilienz bei. Die Psychoanalyse forschte nach Problemen und deren Ursachen. Nicht dass dieser Ansatz falsch wäre, in der Tat finden sich für viele unserer Handlungen sehr gute Gründe, doch die Gefahr liegt in der Schuldzuweisung und in der mangelnden Fähigkeit, für eigenes Handeln selbst die Verantwortung zu übernehmen (ich hatte halt eine schwierige Kindheit, es ist das Chinese Virus)! Auch in der Bekämpfung des Virus hat man nach dessen Ursachen geforscht, um es zu verstehen. Doch zur Bewältigung trägt eine Lösungsorientierung bei (Entwicklung von Impfstoffen). Das gilt auch für die persönliche Resilienz. Wenn mir eine Schwierigkeit begegnet, glaube ich, dass sie sich lösen lässt? Auch wenn ich vielleicht noch nicht genau weiss, wie? Kann ich mir einen Zustand ohne dieses Problem vorstellen? Der Glaube an eine Lösung setzt Kräfte frei, was man sich in therapeutischen Richtungen wie Kurzzeittherapie und Hypnotherapie zunutze macht. Wenn ich mir vorstelle, wie ich eines Tages wieder meine Freundinnen umarme, laut singe, freudig tanze, hilft mir dies, die Gegenwart zu überstehen.

Ein wichtiger Resilienzfaktor ist die Fähigkeit, einem Ereignis einen Sinn abzuringen. Vaclav Havel, einer der Protagonisten des Prager Frühlings, der lange Jahre im Gefängnis war, hatte diese Kompetenz in hohem Mass und er hat mein Lieblingszitat zur Hoffnung kreiert: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.» Dies macht etwas von der Kraft der Resilienz deutlich, die nicht optimistisch oder in einer Illusion befangen sagt: «Es kommt sowieso alles gut», sondern die damit rechnet, dass Dinge sich nicht wunschgemäss entwickeln können, aber auf die Fähigkeit vertraut, dass es in einem sinnhaften Ganzen geschieht.

Sinn finden

Der Arzt Viktor Frankl, ein Weggenosse von Sigmund Freud und Alfred Adler, hat seine ganze Logotherapie und Existenzanalyse auf dieser Fähigkeit der Sinngebungskompetenz gegründet. Er selbst hat die Shoa überlebt, als Einziger seiner Familie, seine Eltern, sein Bruder, seine Frau, sie alle wurden ermordet. Auch er war zeitweise dem Sterben näher als dem Leben. Was ihm damals geholfen hat, weiterzugehen, war u.a. seine Fähigkeit, in die Zukunft zu denken. An einem Tiefpunkt hat er sich gesagt: «Eines Tages werde ich in einem Hörsaal stehen und von meinen Erfahrungen berichten.» Er konnte sich eine andere Zukunft vorstellen inmitten eines unvorstellbaren Grauens, und das gab ihm die Kraft, weiterzukämpfen.

Und Jesus selbst, am Kreuz hängend, hat gerufen: «Warum hast du mich verlassen?» Das aramäische Wort lama kann man genauso gut mit Wozu übersetzen. Das heisst, im Ruf Jesu schwingt bereits die Frage nach dem Sinn mit. Wichtig ist hier jedoch, dass ein Sinn immer nur individuell gefunden werden kann. Wenn ich z.B. behaupte, die Pandemie sei eine Strafe Gottes, messe ich ihr zwar einen Sinn bei, mache aber eine unangemessene, verallgemeinernde Deutung, die mehr über mein Gottesbild aussagt als über das Phänomen.

Hilft Glaube?

Religiosität ist ein Resilienzfaktor und unterstützt uns bei der Sinnfrage. Sie lässt uns Krisen als Chance zum Wachsen und zur persönlichen Transformation wahrnehmen, ein weiterer Resilienzfaktor. Der Dreiklang Hoffnung, Vertrauen/Glaube und Liebe sind die drei grossen spirituellen Kräfte der Resilienz (daneben gibt es weitere: Gelassenheit, Geduld, Friede, Freude, Dankbarkeit, Humor, Zufriedenheit, Mut, Durchhaltevermögen, Willenskraft, Hingabe, etc).

Dies ist eine Religiosität, die nicht vergiftet. Wenn ich an einen zornigen, strafenden Gott glaube, der alles sieht und vor dem ich nicht entrinnen kann, macht dies krank und untergräbt die eigene Fähigkeit zur Resilienz. Zu Recht hat sich Tilmann Moser dagegen gewehrt.

Ich habe gelernt, dass wir als Menschen auf einige Resilienzfaktoren keinen direkten Einfluss haben. Je nachdem, was mir genetisch mitgegeben wurde und wie ich aufgewachsen bin, verfüge ich über mehr oder weniger davon. Meine eigene Fähigkeit zur Resilienz ist nichts, worauf ich mir etwas einbilden könnte. Erlittene Traumata können zudem viele Resilienzfaktoren stark beeinträchtigen. Doch die gute Nachricht ist, dass wir Resilienz einüben können! Getragen, unterstützt und befähigt werden wir dabei von der alldurchwaltenden Kraft der Liebe Gottes, der nichts unmöglich ist, die stärker ist als Tod, Ängste und Pandemien. Denn im Römerbrief, Kap. 8, 35ff steht für mich der grösste Resilienzfaktor überhaupt: nichts kann uns trennen von dieser Liebe, sie ist da, immer.

Annette Spitzenberg

 


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