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Wirtschaft

Mit Schwarzgeld Kontakt erkaufen?

Dass Kirchen Geld vom Kanton empfangen, passt nicht allen. Dabei ist der zwischenmenschliche Beitrag in der Abrechnung nicht einmal mit drin. Dieser lässt sich kaum abgelten – auch mit Schwarzgeld nicht.

Ach, Gottchen, war das ein Aufreger! Die «alte Dame» NZZ ringt auf ihrer Frontseite vom 5. Februar spürbar um Fassung. Dies, weil die Kirchen jährlich 0,44 Milliarden Franken vom Staat erhielten, für gesellschaftliche Leistungen. «Das passt nicht allen», betont sie in nur mühsam temperierter Tonlage. Wohl wahr. Darum wollten es Kanton und Kirche in Zürich schon 2017 genauer wissen und haben bei der Universität eine Studie beauftragt (siehe Kasten Artikel «Horcht, was da von draussen kommt»). Das Ergebnis war eindeutig: Die Kirchen leisten, nur schon monetär betrachtet, viel mehr, als sie bekommen. Und dabei sei der zwischenmenschliche Beitrag für den Zusammenhalt in
Quartier und Gesellschaft nicht einmal berücksichtigt, heisst es. In St. Gallen dürfte sich das ähnlich verhalten.

Wo bleibt denn nur der Aufschrei?
Purer Zufall, dass sich die Titelstory drei Tage später jenen 50 Milliarden Franken widmete, die in den letzten Jahren an Schwarzgeld aufgetaucht sind, weil sich Steuersünder anzeigten. Dabei sind diese 50 Milliarden 100 Mal mehr als jene 0,44 Milliarden, welche die Kirchen erhalten. Der Aufschrei der Zürcher Blattmacher hielt sich in engen Grenzen. Er war jedenfalls nicht 100 Mal lauter wie drei Tage zuvor. Dabei dürfte das bemäkelte Geld für «die Kirche» mit grösserem gesellschaftlichem Nutzen angelegt sein als jene 100 Mal grössere Summe auf egogesteuerten Schwarzgeldkonten. 

Der grosse Aufschrei blieb aus, als die grosse Schwarzgeldsumme publiziert wurde.

Als sprechendes Beispiel für das gesellschaftliche Engagement der Kirchen dürfen Rechtsberatung und Seelsorge für Flüchtlinge und Migranten gelten. Sie wird als landesweite Aufgabe wahrgenommen, solidarisch finanziert und betrifft einen Bereich, der meist unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung liegt. «Die Sensibilität für Migrationsfragen ist dem Christentum in die Wiege gelegt», betont Silvana Menzli vom Kirchenbund SEK. «Empathie und Fürsorge für Menschen in Not gehören zum Selbstverständnis christlicher Lebensführung.» Dem stimmt Bettina Wiesendanger, langjährige Seelsorgerin im Empfangszentrum des Bundes in Altstätten zu. «Alles, was Kirche tut, tut sie im vornehmsten Sinne als Liebhaberin», gemäss dem Jesuswort ‹Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen›.» Darum engagiere sie sich als Theologin. «Asylseelsorge ist Dasein für andere», pflichtet ihr Kollege vor Ort, Marcel Ammann, bei. Kirche habe einen Auftrag, sich für Schwache einzusetzen. Da sei man Klagemauer oder professioneller Ansprechpartner, beides gemäss biblischem Spruch «Tue Deinen Mund auf für die Stummen».  

Engagement im Regionalgefängnis
In Altstätten, wo derweil ein Neubau des Asylzentrums beim heutigen Regionalgefängnis geplant ist, engagieren sich auch Freiwillige aus dem kirchlichen Umfeld. Dies im Betrieb des so genannten «Cafe 51» an der Bahnhofstrasse 51. Sie leben Gastfreundschaft, mit Tee, Kaffee, Internet und Gesprächen. Sie ermöglichen Kontakte zur lokalen Bevölkerung. Das lässt sich mit Geld kaum aufwiegen, auch nicht in Schwarzgeld. 

 

Text: Reinhold Meier, Journalist / Pfarrer, Wangs | Foto: meka  – Kirchenbote SG, April 2019

 

Den Menschen sehen

Landesweit gibt der SEK 420 000 Franken im Jahr für die Asylseelsorge aus. Diese ist mit 700 Stellenprozenten in den 16 Asylzentren dotiert. Zudem gehören der Kirchenbund und das Hilfswerk Heks mit jährlich einer Million Franken zu den wichtigsten Geldgebern der «Rechtsberatung für Asylbewerber», neben der kath. Kirche und der Caritas. Erstaunlich – offenbar wird die wichtige Aufgabe von sonst keiner massgeblichen gesellschaftlichen Kraft so prioritär wahrgenommen. Sie geschieht in sieben Beratungsstellen in zehn Kantonen. Silvana Menzli betont, der SEK leiste auch Vernetzungsarbeit mit Kirchgemeinden, UNHCR sowie in der politischen Willensbildung. «Kirche sieht den Menschen an und steckt ihn nicht in Schubladen.» (rem)


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