Das Kloster wieder trendig machen

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18.03.2019
Auszeiten für Entschleunigung und Inspiration gewinnen an Bedeutung. Trotzdem kämpfen christliche Bildungshäuser, die sich als Orte der Ruhe und Kraft bezeichnen, zunehmend um ihre Existenz. Wie passt das zusammen? Und was machen Ausnahmen wie die Kartause Ittingen und das Kloster Kappel anders?

Thomas Bachofner ist überzeugt, dass das «tecum» als Ort der Kraft und der Stille in der heutigen schnelllebigen Zeit einen wichtigen Platz hat. Der Leiter des Zentrums für Spiritualität, Bildung und Gemeindebau der Evangelischen Landeskirche Thurgau hat häufig mit ausgebrannten Berufsleuten zu tun. Betroffen seien Führungskräfte, aber nicht nur. Die ständige Erreichbarkeit und Kurzfristigkeit als Folge der neuen Medien hätten Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft. Ganz wichtig sei, nicht erst zu reagieren, wenn es zu spät ist, sondern das Innehalten und die Stille bewusster in den Alltag zu integrieren. Das «tecum» in der Kartause Ittingen bietet dafür eine Anlaufstelle, die in der Ostschweiz mittlerweile fast einzigartig ist.

Christliche Spiritualität als Schatz
Im benachbarten Kanton St. Gallen schloss die Evangelische Landeskirche St. Gallen 2011 das Schloss Wartensee, nachdem es 50 Jahre lang als kirchliches Bildungshaus gedient hatte. Das Haus Fernblick in Teufen ging vor zwei Jahren zu. Und vor wenigen Jahren verkaufte die Baselbieter Kirche ihre renommierte Bildungsstätte Leuenberg. Hauptgrund war die schwindende Teilnehmerzahl. Wie passt das mit dem steigenden Bedürfnis nach Entschleunigung zusammen? «Es gibt immer mehr Bücher für ein entschleunigtes Leben, innere Ruhe und mehr Achtsamkeit», sagt Persönlichkeitsentwicklerin Sabine Schoch, die eine eigene Praxis führt und in der Kirchgemeinde Frauenfeld als Seelsorgerin tätig ist. Viele dieser Ratgeber beriefen sich auf fernöstliche Methoden. Schoch ist überzeugt, dass auch christliche Spiritualität einen grossen Schatz bietet, gerade wenn es um Meditation und Persönlichkeitsentwicklung geht. Man müsse dafür die richtigen Gefässe schaffen.

Klösterliche Wurzeln betonen
Das «tecum» geht verschiedene Wege, um mehr Menschen anzusprechen. So haben Thomas Bachofner und sein Team auf dieses Jahr hin Vesperfeiern lanciert, die sich bewusst unterschiedlichen Themen widmen und moderne Elemente aufnehmen. Gleichzeitig betonen sie die klösterlichen Wurzeln der Kartause Ittingen. Beim Angebot «Auszeiten im Kloster» etwa leben die Teilnehmenden während ein bis zwei Wochen in den ehemaligen Mönchszellen und werden von Fachpersonen betreut. Bachofner möchte das Kloster wieder trendig machen

Erfolgreich unterwegs ist auch das Kloster Kappel in Kappel am Albis, das von der Reformierten Kirche des Kantons Zürich geführt wird. Stefan Grotefeld, zuständig für das ehemalige Zisterzienserkloster, sagt: «Das Erfolgsrezept liegt in der ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen ‚Theologie und Kultur’ auf der einen und ‚Hotellerie und Gastronomie’ auf der anderen Seite. Beide Seiten wissen, dass sie nur gemeinsam das Kloster Kappel zu diesem speziellen Ort machen können.» Vom «klassischen» Bildungshaus sei man weggekommen, sagt Grotefeld. Der Fokus liege auf Spiritualität, persönlicher Entwicklung und Kultur.

Ohne Landeskirche geht es nicht
Auf katholischer Seite gibt es ebenfalls erfolgreiche Beispiele: Das Lasalle-Haus in Edlibach im Kanton Zug bietet mit jährlich rund 150 Kursen das umfangreichste Programm aller kirchlichen Bildungshäuser an. Es setzt stark auf den interreligiösen Dialog. Es seien wohl gerade diese Einzigartigkeiten, die den Erfolg ausmachen, sagt Thomas Bachofner. Unbestritten sei, dass es ganz ohne die Unterstützung einer starken Institution wie der Landeskirche nicht geht. Das bestätigt auch Stefan Grotefeld: Das Kloster Kappel arbeite wirtschaftlich zwar sehr erfolgreich und könne den regulären Unterhalt problemlos finanzieren. Anders verhalte es sich aber beim «Generationenunterhalt» – also bei grösseren Instandhaltungsarbeiten, die etwa alle 25 Jahre anfallen. Diese seien für das Kloster alleine nicht zu stemmen.

Auf gesellschaftlichen Wandel reagieren
Erst Anfang 2019 ging das Stattkloster in St. Gallen auf. Es sei ein Lernfeld für einen ganzheitlichen Lebensstil in einer modernen Gesellschaft, schreiben die Verantwortlichen. Neben verschiedenen Kursen und einer Flüchtlingswohnung bietet das Stattkloster Zimmer an, die für eine gewisse Zeit zu günstigen Konditionen gemietet werden können. «Das grosse Interesse an den Zimmern zeigt, dass wir einem Bedürfnis entsprechen», sagt Pfarrer Kurt Pauli, Initiant und Leiter des Stattklosters. Gerade der interreligiöse Ansatz komme gut an. Es gehe darum, Neues auszuprobieren, Integration aktiv zu leben und zu teilen. Darin sieht Pauli den Sinn und Zweck von Bildungshäusern in der heutigen Zeit: «Sie können in der Regel schneller auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren als Kirchgemeinden und somit auf gesellschaftliche, religiöse und spirituelle Entwicklungen Antworten geben.»

Cyrill Rüegger, kirchenbote-online, 18. März 2019

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