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Gesellschaft

Heimatverlust

Was ist das für ein blödes Lied? Ich hab mir noch einen Glühwein geholt. “Wer lässt denn solche Scheissmusik laufen», hab ich gebrüllt und den Kollegen zugeprostet. Und plötzlich war alles ganz weit weg. «Hey Marc, ist dir nicht gut?» hat einer gefragt. Ich sähe plötzlich so bleich aus. «Ist nicht mehr der Jüngste», hat Dieter gefrozelt, so wie er es immer tut. Doch diesmal hat’s mich getroffen.

hmz-Der Glühwein hat plötzlich auch nicht mehr geschmeckt. «War vielleicht ein bisschen viel heute», hab ich geantwortet und den Becher hingestellt. «War vielleicht ein bisschen viel die letzten Wochen», hat Mike gemeint und mich besorgt gemustert. «Ach was...», habe ich geantwortet, «alles grün, was meinst du denn, die paar Überstunden hauen mich doch nicht um.» Dann hab ich ausgetrunken und bin gegangen obwohl der Stephen noch einen ausgeben wollte. Blödes Lied, hab ich mir gesagt, hat mir den ganzen Abend versaut. Und das so kurz vor Weihnachten.

Das heute war neu. Es war so, wie aus dem Leben fallen. Ich sehe mich, sehe die Kollegen, höre den Lärm mit diesem blöden Lied. Irgendwie weit weg. Und wumm – bin ich wieder drin. Etwas atemlos, leicht schwindlig. Und etwas ist anders als vorher. Ich bin wieder drin und doch nicht ganz drin. Das sind meine Kollegen. Alles gute Kumpels, seit Jahren. Irgendwie anders plötzlich.

Seit Jahren treffen wir uns im Advent zum Glühwein. Immer freitags. Tolle Sache. Da fährt man so richtig herunter und kommt entschleunigt nach Hause. Wirkt garantiert. Lea ist manchmal noch später dran als ich. Sie geht immer mit ihren Kolleginnen. Auch heute bin ich zuerst zuhause. Es kommt mir irgendwie fremd vor. Ich komme in die Wohnung und friere leicht. Vermutlich eine Erkältung, die sich da anschleicht. Typisch Adventszeit. Naja, das gibt sich wieder. Jetzt erst mal Wochenende. Radio ein und was Kleines zum Futtern herrichten. Wir können nachher ja noch auswärts etwas essen. Vielleicht. Ich bin zwar völlig kaputt und der Rücken schmerzt. Ach was, Weichei, reiss dich zusammen und ...

Lea meint, ich wäre wie tot auf dem Sofa gelegen. Naja, sie übertreibt. Ich war einfach hundemüde. Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann ich mich aufs Sofa gesetzt habe. Macht nichts. Heute ist Freitag, jetzt gibt’s Wochenende. Lea ist schon chic angezogen. «Also tschüss!», sagt sie, dann sind wir morgen bei deiner Mutter zum Brunch.

«Am Samstag sind wir nie zum Brunch bei meiner Mutter?» habe ich gesagt. «Ach «Kuschelknuchel», hat sie gesagt, «morgen ist Sonntag und ich geh jetzt mit Deborah zum Klassentreffen, schau dass du heute mal aus dem Bett kommst.» Die spinnt. Ich bin todmüde und habe kalt. Und morgen ist Samstag – hey!

 

Das Lied gibts hier


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