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Gesellschaft

Aus Feinden Freunde

Ein älterer Elsässer, während dem Krieg noch ein Kind. Grenzgänger, spricht Französisch, Deutsch und „Mundart“. Rückblickend auf die Jahrhunderte der Feindschaft über die Grenzen sagt er: „Da bekriegten wir uns und brachten einander um, nur um uns auf der anderen Seite des Rheins ein Grab zu sichern.“ Ein anderer, etwas jüngerer, geht nie über die Grenze nach Deutschland. Zu tief ist das Trauma, das ‚in den Knochen‘ sitzt.

Im Örtchen Pfaffenhofen halte ich eine Abendmahlsfeier im kleinen Kreise auf dem Bauernhof. Bei Kaffee und Kuchen erinnern sich die ältesten Damen daran, wie sie aus den Kellern kamen, nach der letzten Panzerschlacht 1945 die auch über ihren Köpfen stattfand. Sie fanden ihre Häuser in Trümmern, totes Vieh und tote Menschen überall. 75 Jahre später reden drei Generationen immer noch darüber, als sei es erst im Vorjahr geschehen.

Ein dritter, etwa 90 Jahre alt, auf der Bank vor seinem Haus sitzend, erinnert sich an die Grosseltern. Sie haben im Krieg, nach der Schlacht von Reichshoffen verwundete Soldaten in die Höfe gebracht, auf Pferdekutschen. Die meisten starben und wurden vor Ort begraben. Die Schlacht fand am 6. August 1870 in der Nähe des Ortes Woerth im Unterelsass statt. Das Trauma der Erinnerung liegt 5 Generationen tief!

Mir wird immer wieder vor Augen geführt, wie schwer es ist, eine Feindschaft zu beenden, die mit Blut und Greuel begossen und gedüngt wurde. Es braucht Überwindung, ein Lebewesen zu töten. Noch viel mehr braucht es für die Wiedergutmachung.

Eins ist mir klar. Normale Menschen schiessen nicht gerne auf ihre Nachbaren, auch wenn sie sie nicht mögen. Man handelt miteinander, kauft vielleicht etwas Heu oder Wein von ihnen. Trifft sich bei regionalen Angelegenheiten und hört dieselbe Musik. Sogar die Mundart ist verständlich, quer über die Grenze. Hochdeutsch und gebildetes Französisch wird nicht unter den einfachen Menschen gesprochen. 

Das bringt mich auf den ersten Schritt hin zur Freundschaft unter ehemaligen Feinden. 

Worte statt Waffen

Versteht man sich, kann man Konflikte mit Wörtern austragen. Sei es mittels Diplomatie, sei es durch Handel und Verhandeln, Schlichtung, Drohung, bitten um Entschuldigung. Die Möglichkeiten der Worte sind endlos. Solange sie tönen bilden sie einen Abstand zwischen dem Willen der Machtanwendung und ihrer Ausübung. Der Abstand wird in der Zeit zur Vorbeugung umgesetzt. Zeit, die genutzt werden kann, um Strukturen des Friedens aufzustellen.

Handel statt Soldaten

Wer frei miteinander handelt, muss sich nicht bekämpfen. Auf diesem Prinzip wurde nach dem zweiten Weltkrieg die Idee eines Europäischen Staatenverbands von Winston Churchill ausgesprochen. Innerhalb weniger Jahre wurden die ersten nationübergreifenden Institutionen gegründet. Gemeinsame Menschenrechte, Handel, Zölle, Freizügigkeiten, Gerichtshöfe, Austausch von Auszubildenden und gemeinsame Nutzung von Ressourcen sind Errungenschaften dieser Entwicklung. Werden inzwischen auch Soldaten über den Rhein gebracht, geschieht dies im Rahmen der Zusammenarbeit und zur Stärkung gemeinsamer Interessen. Man ist schliesslich Alliert.

Gepflegte Gemeinsamkeiten

Es ist leicht, Menschen in Boxen zu stecken um sie von ihren Gemeinsamkeiten zu trennen. Es ist leicht, ‚uns‘ von ‚denen‘ zu trennen. Ein Video aus Dänemark* macht es deutlich. Wenn man verschiedene Menschen auf ihre äusserliche und innerliche Gemeinsamkeiten ständig aufmerksam macht, erwachen Sympathien. Man lernt sich als Fussballfan, Anzugsträger, Musikliebhaber, Gemobbter und von Arbeitslosigkeit geplagter kennen. Unter den Umständen ist es dann egal, ob man zu einer anderen Nationalität, Bevölkerungsschicht, Alter, Geschlecht, Religion oder Hautfarbe gehört. Die Gemeinsamkeiten überwinden die künstlichen Grenzen.

Imagine

Stell dir vor, es gäbe keine Länder,

Es ist nicht schwer zu tun.

Nichts, wofür es sich zu töten oder sterben lohnt.

Und auch keine Religion.

 

Stell dir vor, all die Leute

lebten ihr Leben in Frieden.** 

 

Eigentlich sollte man meinen, Religion fördere den Frieden unter den Menschen. Das heisst, wenn die Religion nicht gerade eine Religion des Krieges und der Vorherrschaft des eigenen Stammes anprangert. Solche gibt und gab es in Fülle. Das sind Religionen, wo sich Politik und die Interessen Weniger dem Willen der Götter gleichsetzen. Wie kann es aber sein, dass Religionen, die auf der Barmherzigkeit Gottes, der Gleichheit aller Wesen oder mindestens auf der gleichen Würde aller Menschen beruhen, Krieg und Mord ohne Ende bringen können?

Kann es sein, dass der wahre Feind der Freundschaft nicht im Glauben sondern in der Angst liegt? Der Angst, zu kurz zu kommen? Der Angst, beraubt zu werden? Es ist ja schliesslich die Angst, alleine nicht überleben zu können, die uns zur Sprache, zum Stammeswesen und zur Zusammenarbeit gezwungen hat. Dies geschah in der Zeit, als unsere Vorfahren sich zum Homo Sapiens entwickelten***. Es ist eine Überlebenstaktik, eine Ur-Angst die uns in Föderationen von Familien zusammentreibt. Dank dieser Überlebenstaktik verteidigen wir unsere Gemeinsamkeiten, komme was wolle. Diese Angst kann von unseren Anführern leicht geschürt werden. Deren Interessen und Ambitionen werden uns als gemeinsame Interessen verkauft. Gelingt das, verwandeln wir uns von freien Menschen massenhaft zu Soldaten und Kanonenfutter im Dienste dieser Anführer.

 

Wir sind eine leichte Beute derer, die uns durch trennen und abgrenzen regieren möchten. Ist dies der Fall, so ist die Aufgabe einer friedfertigen Religion klar: Der Abbau angstschürender Führungskulturen und der Aufbau mutiger, informierter und selbständiger Menschen. 

Gerechtigkeit

Unsere Ur-Ängste sind wirklich. Es wird immer wieder Herausforderungen geben, die unser Leben und Wohlbefinden bedrohen. Dagegen können wir und müssen wir uns wehren. Die Frage ist wie. Gehen wir zurück zum Stamm der sich mit allen Mitteln gegen andere Stämme wehrt? Gehen wir den Weg der Zusammenarbeit, die über die Stammeskultur hinweg schaut? Wollen wir den Weg der Zusammenarbeit gehen, brauchen wir ein Prinzip, das unsere Ängste ernst nimmt und sie abbaut. In der Geschichte ist solches häufig geschehen. Die Möglichkeiten sind begrenzt. 

Eine Möglichkeit ist die Unterwerfung. Die Gefahr so völlig zu meistern, dass sie sich nicht mehr stellt. Das Werkzeug dieser Möglichkeit ist die Übermacht und die Versklavung der Menschen. Strukturen sind unter anderem in autokratischen Diktaturen, multinationalen Grosskonzernen und sogar in demokratischen Grossmächten zu finden. Die Letzteren haben durch Kolonialismus Kontinente ausgebeutet und tun das immer noch. Dies im Schatten der Gleichgültigkeit ihrer Wähler.

Eine andere ist die Kooperation, die Partnerschaft. Sie beinhaltet den Austausch von Gütern, Kultur, Wissen, Freizügigkeit und Gleichberechtigung der Menschen. Sie kann nur auf Augenhöhe, beziehungsweise auf Gerechtigkeit und Rechtsprechung beruhen. Solche Partnerschaft leistet nicht ‚Entwicklungshilfe‘ sondern bildet Menschen vor Ort aus und kauft ihr Wissen, ihre Güter und Dienstleistungen zu fairen Preisen. Dadurch baut sie selbsttragende Strukturen, die sich gegenseitig bereichern.

 

Andere werden Geschäftspartner und Freunde, die man schätzt und deren Bedürfnisse man wahrnimmt. Genau dies geschah in Europa nach zwei Weltkriegen. Wo der erste mit einer Politik der Rache endete, schloss man den zweiten mit den Anfängen der Wiedergutmachung. Das Resultat ist die Partnerschaft von einst verfeindeten Nationen. Wie fragil diese Partnerschaft ist, darüber hören wir jeden Tag in den Nachrichten. 

Wie wichtig sie ist, wissen wir von unseren Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern.

Carlos Ferrer

**) John Lennon, Imagine

***) Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, 2015

Wie man die gängigen Muster der Feindbildung überwindet, erfahren Sie hier

Den Artikel zum dänischen Experiment lesen Sie hier



frisch - fromm - frech - frei  | Artikel

Aus Anlass des Jubiläums 500 Jahre Reformation haben sich drei Pfarrerinnen zusammengetan, um als „Reformanzen", die reformatorischen Errungenschaften und Altlasten mit einem Augenzwinkern anzuschauen, davon zu erzählen, zu spielen und zu singen.

Die Reformanzen bieten Lieder, Geschichten, Sprachspielereien, Anekdoten und Witze aus vor-, realexistierend reformatorischer und postreformatorischer Zeit. Das sollten Sie sich zumuten!

Musik: Röbi Fricker, Piano - Texte: Andrea Weinhold, Kathrin Bolt, Marilene Hess

Auftritte im Appenzellerland

Samstag, 10. November, 19.00 Uhr, Kirchgemeindehaus, Heiden

Dienstag, 20 November, 2015 Uhr, Kleinturnhalle Schulhaus Vorderdorf, Trogen

Freitag, 30. November, 20.15 Uhr, Baradies Teufen AR an der Engelgasse

Freitag, 15. Februar 2019  ca. 20.45 Uhr, Lindensaal, Teufen AR