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Kirche

... und hier und jetzt

Die Reformation hat die damalige Kirche und die Gesellschaft Europas fundamental erschüttert und umgestaltet. 500 Jahre sind seither vergangen. Der Persönlichkeiten hat es nicht weniger.

Unsere heutige kirchliche und gesellschaftliche Situation ist komplett anders. Einiges ist auch ähnlich geblieben. Und noch immer sind Menschen mit Engagement dabei, Kirche zeitgemäss zu gestalten. Drei Beispiele: 

Stefan Lippuner

Die paar Männer, die 1524 Johannes Kessler darum baten, ihnen die Bibel auszulegen, hatten sich nicht im Traum vorstellen können, dass sie etwas initiieren, das sich über Jahrhunderte halten wird. Sie haben dank der Erfindung des Buchdrucks und der Reformation etwas in die Wege geleitet, was bisher in der Geschichte der Kirche gar nicht möglich war: dass jeder Mensch in seiner persönlichen Bibel, geschrieben in seiner Muttersprache, lesen und sich mit anderen treffen kann, um sich darüber auszutauschen, was das Gelesene für sein Leben bedeutet. 

Bibellesekreis
Einer, dem das auch heute wichtig ist, ist Pfarrer Stefan Lippuner. In seiner Kirchgemeinde St. Gallen Centrum gibt es verschiedene entsprechende Angebote. Im Bibellesekreis Linsebühl treffen sich alle zwei Wochen um 16.00 Uhr rund ein Dutzend Personen unter seiner Leitung. In den letzten zwei Jahren haben sie systematisch miteinander den Philipperbrief, die Reden von Jesus im Johannesevangelium und den zweiten Teil des Propheten Jesaja gelesen. Nach dem Lesen des Textes kann jeder Teilnehmende reihum seine ersten Eindrücke zum Text formulieren.

«Gemeinsam versteht man beim Lesen der Bibel mehr als alleine.»

Aus diesen Inputs ergibt sich dann eine vertiefte Diskussion über das eine und andere Thema. Lippuner hält dabei bewusst keine Monologe, sondern steht als Moderator, und wo gewünscht, mit seinem Fachwissen zur Verfügung. Im Kirchkreis St. Georgen trifft sich ein Mal im Monat ein Bibelkreis, der von einem dreiköpfigen Laienteam geleitet wird. Des Weiteren gibt es mehrere sogenannte Hauskreise, wo Interessierte abends zusammenkommen, um gemeinsam die Bibel zu lesen und sich über ihre Bedeutung für die Gegenwart auszutauschen. Diese Hauskreise sind zusammengesetzt aus Mitgliedern von verschiedenen landes- und freikirchlichen Gemeinden. Auch wichtig sind Stefan Lippuner die Gottesdienste. Meistens nimmt er dabei als Grundlage einen einzelnen Bibeltext oder eine biblische Themenreihe, macht eine Auslegung darüber und zeigt dann auf, wie dieser Text für die Gegenwart relevant sein kann.

Gottes Wort hören und verstehen
Auf die Frage, welche Bedeutung für ihn und die Teilnehmenden das Lesen der Bibel habe, gibt er zur Antwort, dass ihnen wichtig sei, Gottes Wort zu hören, die Bibel zu verstehen und zu erkennen, was uns Gott heute zu sagen hat, jedem persönlich, unserer Kirche und der ganzen Gesellschaft. Und darum sei auch das gemeinsame Gespräch über einen Bibeltext wichtig, weil so Gedanken zusammengetragen und entwickelt werden, die ihm für sich allein noch nicht in den Sinn gekommen sind. Gemeinsam versteht man mehr als alleine. 

 

Martin Frey

Ganz und gar nicht selbstverständlich war die Einstellung von Anna Schlatter-Bernet zu ihrer Zeit. Und auch heute ist sie es noch lange nicht immer und überall. Schlatter waren die Gemeinsamkeiten der verschiedenen christlichen Konfessionen – und davon gab es damals schon einige – wichtiger als die Unterschiede. In einer Gesellschaft, in der das Christentum grundsätzlich und rapide an Bedeutung verliert, bekommt Zusammenarbeit nochmals eine zusätzliche Dringlichkeit. Dieser Meinung ist auch der Grabser Pfarrer Martin Frey. Als er vor zehn Jahren in die Kirchgemeinde Grabs-Gams kam, standen in seinem Pflichtenheft auch ökumenische Anlässe und die Evangelische Allianz. Die Arbeit mit der katholischen Seelsorgeeinheit Werdenberg und den Landes- und Freikirchen, die sich im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Evangelische Allianz Werdenberg zusammengetan haben, ist für ihn aber weit mehr als nur das Abhaken einer Zeile im Pflichtenheft.

Zusammen erreichen wir mehr

Frey, sein Amtskollege und die Diakonin in Gams führen viele Anlässe mit der katholischen Kirche durch, wie die Besinnungen in der Karwoche und im Advent, das ökumenische Abendgebet, den Alp- und den Erntedankgottesdienst, die Ostermorgenfeier, den Neujahrs- sowie den Schulgottesdienst und die Suppentage in der Fastenzeit. Sie stellen einander, je nach Bedürfnis, die Kirchen zur Verfügung und treffen sich drei Mal jährlich als Mitarbeiterteams. Auch mit den drei Landes- und sechs Freikirchen der Evangelischen Allianz Werdenberg gibt es eine intensive Zusammenarbeit bei Anlässen wie der internationalen Gebetswoche inklusive Kanzeltausch, den Werdenberger Seminaren, dem Gottesdienst im Festzelt der Werdenberger Industrie- und Gewerbeausstellung, bei diakonischen Aktionen, bei den Leitersitzungen, wo nicht nur geplant, sondern auch gemeinsam für Anliegen aller Gemeinden gebetet wird. 

«Kirchliche Vielfalt ist Bereicherung.» 

Positives ausstrahlen

Frey ist diese Zusammenarbeit wichtig, weil dieses gute Miteinander eine positive Ausstrahlung in die Gesellschaft hinein hat. Weil die Zeiten, wo Kirchen sich wegen ihrer Unterschiede bekämpften, vorbei sein müssten in einer säkularisierten Gesellschaft, die diese Unterschiede sowieso kaum mehr versteht, vom christlichen Glauben immer weniger Ahnung hat und darum eine gemeinsame christliche Stimme immer wichtiger werde. Weil gewisse Anlässe einfach nur gemeinsam durchgeführt werden könnten, wie ein Gottesdienst an einer Gewerbeausstellung oder eine Nacht der Kirchen. Weil es wichtig sei, einander zu kennen und zu vertrauen, wenn zum Beispiel die Leiter vom Cevi nicht nur die eigenen Gottesdienste besuchen, sondern auch die im trendigen ICF. So ist kirchliche Vielfalt für ihn nicht Bedrohung oder Konkurrenz, sondern Bereicherung.»

 

Jennifer Deuel-Zumstein

Vadian war Universalgelehrter, Humanist und Politiker. Er konnte sein Wissen, seine Fähigkeiten und natürlich auch seine Stellung als Bürgermeister einsetzen, um der Reformation in St. Gallen zum Durchbruch zu verhelfen. Damals war das völlig normal. 500 Jahre später wird der Ruf nach der Trennung von Kirche und Staat immer lauter. Nichtsdestotrotz ist das Zusammen- oder das Wechselspiel von Kirche und Politik in jeder Generation wesentlich und bedeutungsvoll. So gibt es auch heute Christen, die sich ganz bewusst in beiden Bereichen, der Kirche und der Politik, engagieren. Eine davon ist die St. Gallerin Jennifer Deuel-Zumstein. 

Vom Konfspruch zum Lebensmotto
Etwas besonders ist er, der Konfirmationsspruch, den sie damals bekommen hat: «Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden.» (Lukas 12,48). Aber der Vers hat sie herausgefordert, motiviert und auch dankbar gemacht für ihr ganzes weiteres Leben, genauso wie das Vorbild ihres Vaters. 

Engagement in Politik und Kirche
Deuel, von Beruf Lehrerin, vierfache Mutter, engagiert(e) sich als Schulleiterin, in der regionalen Schulaufsicht und als Bezirksschulrätin. Sie war Präsidentin der Kirchkreiskommission St. Laurenzen – St. Leonhard, Mitglied der Kirchenvorsteherschaft St. Gallen C, ist Mitglied der Synode. Sie war auch Präsidentin der FDP-Stadtpartei, kantonales Vorstandsmitglied der FDP-Frauen und Mitglied des St. Galler Stadtparlaments. Daneben ist sie noch Vorstandsmitglied der Vadiana und der Suchthilfe St. Gallen sowie Stadtführerin.

«Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert.»

Warum sie das alles tut? Weil ihr das Wohl der Gemeinschaft am Herzen liegt. Weil sie Verantwortung übernehmen, positive Veränderungen bewirken will. Weil sie nicht fragen will: Was bietet mir die Kirche oder der Staat, sondern: Was biete ich der Kirche oder dem Staat? Die Zukunft ist ihr wichtig. Ihr Anliegen ist es, dass Menschen geholfen wird, und zwar im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe. Das könne gerade die Kirche besonders gut leisten, ist sie überzeugt. Und an der reformierten Kirche schätzt sie besonders, dass sie viel mehr als andere Organisationen und Gremien die Gleichberechtigung aller Menschen wirklich lebt und ermöglicht. Deuel sucht überall, wo sie sich engagiert, das Verbindende und den Dialog, so wie schon
Vadian damals. Wichtig ist ihr auch, dass man einfach mal ein Wagnis eingeht (und dabei aus gemachten Fehlern lernt). Jede gemeisterte Herausforderung habe sie persönlich weitergebracht, sagt sie. Dabei ist sie sich bewusst, dass demokratische Prozesse, egal ob im Stadtparlament, in der Synode oder in einer Kirchgemeinde, viel Geduld brauchen. Aber sie vertraut darauf, dass steter Tropfen wirklich den Stein höhlt. 

 

Texte: Marcel Wildi | Bilder: Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen  – Kirchenbote SG, Juli-August 2018

 


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