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Gesellschaft

Liestal sehen und sterben

Unter grosser medialer Aufmerksamkeit reiste ein 104-Jähriger von Australien in die Schweiz, um in Liestal zu sterben. Die Diskussion über den begleiteten Altersfreitod wallte neu auf. Sterbehilfe könne sinnvoll sein, meinen Baselbieter Pfarrer und Theologen. Eine weitere Liberalisierung und den Sterbetourismus beurteilen sie jedoch skeptisch.

Kurz vor Pfingsten traf der 104-jährige australische Wissenschaftler David Goodall in Basel ein, um sich fern seiner Heimat in einem Zimmer der Sterbehilfe-Organisation «Eternal Spirit» in Liestal das Leben zu nehmen. Die Hausärztin Erika Preisig, die in Baselland praktiziert, gründete «Eternal Spirit».

Was in Australien verboten ist, ist in der Schweiz möglich: der assistierte Suizid. Der greise, aber nicht sterbenskranke Mann befand sich auf einer Mission, für die er um den halben Erdball reiste. Er kämpfte dafür, in seiner Heimat den Freitod für alte Menschen zu legalisieren, die nicht an einer unheilbaren Krankheit leiden. Die Medien begleiteten Goodall auf Schritt und Tritt und berichteten weltweit.

Infusion eigenhändig öffnen
Dank des liberalen Schweizer Gesetzes blüht der Sterbetourismus, der mit Goodalls Medieninszenierung seinen bisherigen Höhepunkt erreicht hat, in der Region Basel. Hier an der Grenze zu Deutschland und Frankreich unterhalten verschiedene Sterbehilfe-Organisationen Räumlichkeiten. In der Schweiz ist der assistierte Suizid legal, solange der Betroffene selber den letzten Schritt macht. Im Fall von Goodall hiess dies: Nachdem ein Arzt seinen Sterbewunsch abgeklärt und die Sterbehilfe-Organisation «Eternal Spirit» ihm das todbringende Mittel beschafft hatte, musste er selber die Infusion öffnen.

Gemäss einer Studie verdoppelte sich die Zahl der sterbewilligen Ausländer, die sich in der Schweiz das Leben nahmen, bereits von 2008 bis 2012, Tendenz bis heute steigend. Laut «Blick» führte «Eternal Spirit» im letzten Jahr 73 Sterbebegleitungen durch. 54 Personen stammten aus dem Ausland.

Auch bei den Schweizerinnen und Schweizern steigt die Zahl derer, die sich die Möglichkeit eines begleiteten Suizids offenhalten. 110 000 Mitglieder verzeichnete «Exit» in der Deutschschweiz Ende 2017. Pro Jahr bekommt die Organisation bis zu 3500 Anfragen für eine Freitodbegleitung. 734 fanden letztes Jahr tatsächlich statt.

Prominente fordern Liberalisierung
Trotz der liberalen Gesetze gibt es auch in der Schweiz Stimmen, die fordern, dass die letzte Hürde fällt. Dies zeigt der Vorstoss von Prominenten Exit-Mitgliedern, unter ihnen der Filmregisseur Rolf Lyssy («Die Schweizermacher») und die ehemalige Swissair-Sprecherin Beatrice Tschanz. Sie wollen die Bedingungen für den Altersfreitod bei Gesunden lockern. Dieser soll ohne ärztliches Gutachten und ohne Rezeptpflicht für die tödliche Infusion möglich sein. Allerdings verschob «Exit» diese Entscheidung Anfang Juni an der letzten Generalversammlung bis auf Weiteres.

Reicht es, am Leben zu leiden?
In der Region Basel wird der Sterbetourismus kritisch gesehen. Er könne verstehen, dass unheilbar Kranke Sterbehilfe in Anspruch nehmen, meint der Baselbieter Pfarrer Markus Wagner. Er begleitete einen befreundeten Arzt in den Freitod mit «Exit». Fragezeichen setzt er bei Menschen wie David Goodall. Das Leben im hohen Alter und den damit verbundenen Gebrechen sei sicher nicht einfach, doch die Diagnose «am Leben zu leiden» taugt für den Pfarrer nicht als Indikation für den Freitod.

Das sieht Regine Munz ähnlich. Sie arbeitet als Spitalseelsorgerin in Liestal. Sie weist auf die Spannung zwischen Selbstbestimmung und Beziehungen hin. Wenn ein Mensch beschliesse, sein Leben zu beenden, habe das Auswirkungen auf seine Familie und Freunde, die von diesem Entscheid direkt betroffen seien. Sie hat erlebt, wie schwierig dies sein kann.

Das Tötungsverbot nicht aufheben
Man müsse sich gut überlegen, ob man den Alterssuizid legalisieren wolle, sagt Regine Munz. Das käme der Aufhebung desgesellschaftlichen Tötungsverbots gleich. Mit der Verrechtlichung des assistierten Alterssuizids sinke das Interesse, Betagte in die Gesellschaft zu integrieren. «Darum braucht es das Tötungsverbot. Denn was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn die Ausnahme zum Normalfall wird?», gibt die Theologin zu bedenken.

Als Seelsorgerin macht Regine Munz die Erfahrung, dass es schwierig sein kann, in Würde zu altern. Viele Betagte vereinsamten. «Doch ihr Leben ist genauso wichtig wie alle anderen.» Das Argument, «wenn ich kein selbstbestimmtes Leben mehr leben kann und auf andere angewiesen bin, will ich sterben, und alle sollen das auch können», lässt Munz nicht gelten. Eine Gesellschaft, in der dieser Grundsatz allgemeines Gesetz werde, gebe zentrale humane Grundwerte auf.

Das inszenierte Sterben
Am Anfang sei es bei der Sterbehilfe darum gegangen, unerträgliches Leiden zu verkürzen, sagte Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik beim Kirchenbund SEK, in der «NZZ am Sonntag», und meinte: «Dieser Akt der Solidarität weicht immer mehr der egozentrischen Idee von einem selbst inszenierten Sterben.»

Abraham starb alt und lebenssatt, heisse es im Alten Testament, ergänzt Regine Munz. David Goodall hingegen habe, soweit sie es beurteilen könne, viel Energie gehabt. Sie wolle dies moralisch nicht werten, aber «er brauchte die grosse mediale Inszenierung, die er als Dienst für die Allgemeinheit verbrämte», vermutet sie.

Karin Müller, kirchenbote-online, 5. Juni 2018


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