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Spiritualität

Schönheit ist der Spiegel Gottes

Diäten gegen Fettpolster, Spritzen gegen Altersfalten – alle wollen attraktiv sein. Doch was ist Schönheit? Für Benediktinerpater Anselm Grün ist sie ein spiritueller Ort.Jeder Mensch trage Schönheit in sich, auch wenn er dem Idealbild der Mode nicht entspreche.

Pater Anselm, was ist für Sie Schönheit?
Schönheit ist für mich der Spiegel Gottes. In der Schönheit erkenne ich den Glanz Gottes. Für den Philosophen Platon gehören Schönheit und Liebe zusammen. Schönheit erzeugt in den Menschen Liebe und nur die Liebe mag Schönheit erkennen. 

Braucht es den liebenden Blick, um die Schönheit zu erkennen?
Ja. Das deutsche Wort Schönheit kommt vom Schauen. Wer andere liebevoll anschaut, der entdeckt ihre Schönheit. Das Gegenteil ist hässlich und stammt von hassen. Wenn ich jemanden hasse, dann finde ich ihn hässlich und werde dabei selbst hässlich.

Viele glauben, in einem kargen Klosteralltag spielt die Schönheit eine untergeordnete Rolle.
Schönheit bezieht sich nicht nur auf das Aussehen, sondern auch auf die Schöpfung, die Musik, die Malerei und natürlich auf den Menschen. Schönheit ist nicht nur etwas Äusserliches, sondern, wenn wir mit uns im Einklang sind, dann sind wir schön. Wenn wir uns liebevoll betrachten, sind wir schön. Diesen Blick sind wir uns als Kinder Gottes auch schuldig. Wir sollen die Schönheit Gottes widerspiegeln. Wenn wir uns vernachlässigen oder gar verwahrlosen, so handeln wir gegen Gottes Auftrag seinen Glanz zu spiegeln. 

Karl Lagerfeld sagte dazu ganz weltlich, wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
Ja, aber Schönheit geschieht nicht nur durch äussere Reinigung, sondern vor allem durch die innere, sodass man zum Einklang mit sich selber findet.

Sie stimmen ein Lob auf die Schönheit an. Das sind ganz neue Töne, über Jahrhunderte verteufelten die Christen die Schönheit als Ausdruck der Eitelkeit.
Natürlich kann Schönheit zur Eitelkeit verkommen. Eitle Menschen wollen nur nach aussen glänzen und nicht nach innen. Man kann alles verfälschen, selbst die Frömmigkeit. Man darf das nicht so negativ sehen und dabei vergessen, Schönheit ist ein wichtiger spiritueller Ort. Die Kirchenväter bezeichneten Gott als schön und Jesus als den Schönsten unter den Menschen.

Sie sagen, Gott ist schön. Viele Religionen zeigen die Schönheit ihrer Gottheiten. Das Christentum stellt das Kreuz ins Zentrum, einen Galgen, der die Menschen in der Antike einschüchterte.
Es gibt in der Ikonografie Darstellungen von Maria, von der Weihnachtsgeschichte und die Christus-Ikonen, die durchaus mit der Schönheit arbeiten.

Zugegeben, aber das Kreuz und die brutale Kreuzigung stehen im Zentrum der christlichen Kunst.
Platon sagte, alles was gut ist, ist wahr und schön. Wir Theologen haben sicher genügend über das Gute und die Wahrheit gesprochen, nicht aber über die Schönheit. Für Johannes wird am Kreuz die Herrlichkeit Gottes sichtbar. Hier zeigt sich für ihn, dass die Liebe stärker ist als der Hass und der Tod. In dieser grausamen Szene wird die Schönheit der Liebe Gottes offenbar. Die Christen des ersten Jahrhunderts schmückten das Kreuz mit Edelsteinen und Gold. Das Zeichen symbolisierte den Sieg der Liebe über die Bosheit der Welt.

Oft wird Schönheit mit gut verbunden. Wir empfinden schöne Menschen als erfolgreich und vertrauenswürdig. Lassen wir uns da nicht blenden?
Es sind ja nicht die äusseren Schönheitsideale, die das Gute spiegeln, sondern die innere Schönheit, die ausstrahlt.

Das Aussehen hat heute einen enormen Stellenwert: Frauen lassen sich die Brüste vergrössern, Männer das Fett wegsaugen und mit Botox spritzen wir das Alter weg. Was läuft da schief?
Es hat etwas Aggressives, wenn man seinen Körper mit Schönheitsoperationen misshandelt. Das Ergebnis ist nicht wirkliche Schönheit, sondern hat oft etwas Künstliches. Gesichter, die geliftet wurden, haben etwas Kaltes und Maskenhaftes. Sie verlieren ihre Lebendigkeit und ihren Ausdruck. Wir stehen heute unter dem Diktat der Mode. Wir meinen, die äussere Erscheinung entscheide über Erfolg in Beruf und in der Partnersuche und wir müssten ewig jung aussehen. Wir übersehen dabei, dass auch ein alter Mensch schön sein kann, ohne dem heutigen Schönheitsideal zu entsprechen. 

Auf der anderen Seite präsentieren uns die Medien tagtäglich die hässliche, unbarmherzige und grausame Seite der Welt. Wie kann man da noch die Schönheit sehen?
Es braucht beides: Ich darf dem Leiden und dem Negativen nicht aus dem Weg gehen. Aber um sich dem Leid zu stellen, brauche ich die Erfahrung des Guten und Schönen. Für mich ist die Liturgie ein solcher Ort, wo ich Schönheit erfahre. Die Philosophin und Mystikerin Simone Weil engagierte sich sozial und war während des 2. Weltkrieges in der Résistance. Sie erlebte das Leiden und schrieb, um das aushalten zu können, brauche es die Erfahrung des Schönen. 

. . . in der Kunst, Literatur und Natur.
Und der Musik. Schöne Musik tut gut. Schönheit ist etwas Heilsames. Schönheit wird die Welt retten und heilen. Man sollte sich in seinem Leben wenigstens einmal die Sixtinische Madonna von Raffael anschauen und wird spüren, wie man in seinem Leben der Welt dienen kann.

Manche leiden jedoch an der Schönheit. Ihnen wird gerade da bewusst, wie unperfekt sie sind und sie lassen sich davon beeindrucken.
Wenn ich mich schlecht fühle, dann vergleiche ich mich mit den anderen. Meist in den Medien. Wir sehen dort schöne Frauen und Männer und glauben, wir müssten diesem Schönheitsideal entsprechen. Und werden aufgefordert, im Frühling für die Badefigur abzuspecken. Kein Wunder fühlen wir uns negativ und schliesslich depressiv. Die Marienbilder in den Kirchen wollen genau das Gegenteil: Sie wollen, dass wir unsere eigene Schönheit entdecken und uns nicht klein, gering und hässlich fühlen. Jeder Mensch trägt Schönheit in sich, auch wenn er dem Idealbild der Mode nicht entspricht.

Sie sind der berühmteste Klosterbruder Deutschlands. Was bewog Sie, ein Buch über die Schönheit zu schreiben?
Ich habe über dieses Thema gepredigt und gemerkt, dass es kaum behandelt wurde. Das Thema spricht auch Menschen an, die nicht typisch kirchlich sind. Wir alle sind von Schönem angezogen und sind durch die Schönheit durchlässig auf Gott hin. Das Schöne ist ein Ort der Gotteserfahrung, und zugleich ein Ort der Ermutigung zum Leben, ein Ort des Trostes und der Heilung der Wunden.

Zum Schluss eine Frage, die Ihnen sicher oft gestellt wird: Darf ein Pater eine Frau schön finden?
Natürlich darf er sich für die Schönheit einer Frau begeistern. Als Mensch darf ich Schönheit wahrnehmen, bewundern und geniessen, ohne die Frau erobern zu wollen. Die Kunst besteht darin, die Schönheit wahrzunehmen, ohne sie zu begehren. Das gehört auch zur Kultur des Menschen.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 25. Mai 2018

Anselm Grün, geboren 1945 im deutschen Junkershausen, ist Benediktinerpater und Autor von spirituellen Büchern, unter anderem «Schönheit: Eine neue Spiritualität der Lebensfreude», Vier Türme Verlag, 2014. Daneben hält er Vorträge und veranstaltet Kurse. Pater Anselm Grün lebt in der Abtei Münsterschwarzbach. Von 1977 bis 2013 war er dort als Cellerar verantwortlich für die wirtschaftliche Leitung.


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