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Kultur

«Zwingli wäre heute ein linker Aktivist»

Zurzeit laufen die Dreharbeiten zum Zwingli-Film in Zürich und Stein am Rhein. Der Film wird die teuerste Schweizer Produktion. Hinter der Geschichte steht die Drehbuchautorin Simone Schmid, die dem Zürcher Reformator zuerst skeptisch gegenüberstand.

Frau Schmid, was hat Sie an dem Stoff über Zwingli gereizt?
Als eine Agentin mich für das Drehbuch anfragte, war ich zunächst skeptisch. Die Person Zwingli ist sehr negativ behaftet. Ausserdem stamme ich nicht gerade aus einem religiösen Haushalt. Aus Protest gegen meine Grosseltern haben meine Eltern zwei Kinder katholisch und zwei reformiert getauft. Aber Mario Krebs, der Produzent, sagte mir, ich solle dem Reformator eine Chance geben und ihn als Ethiker sehen.

Er war in erster Linie Priester und später Pfarrer.
Ja, aber als ich Zwinglis Buch «Der Hirt» las, war ich sprachlos. Bis anhin war ich der Meinung, dass der Kapitalismus auf die Reformation zurückgeht, doch diese Zeilen klangen für mich viel eher antikapitalistisch. Ich fing an, mich mit der Bewegung der Reformation auseinanderzusetzen und fragte mich, warum entscheidet sich eine Gesellschaft, ihren Glauben zu ändern. Was war die Antriebsfeder? Was geschah da emotional?

Haben Sie eine Antwort gefunden?
Ja, zum Beispiel beim Historiker Peter Kamber, der 2009 die Reformation als bäuerliche Revolution beschrieb. Es ging den Leuten nicht nur um Religion, sondern um soziale Gerechtigkeit, Arbeitskräfte und Geld. Die Menschen hatten das Gefühl, dass man sie betrogen hatte.

In welcher Hinsicht?
Die Leute erkannten, dass sie ihr Vermögen in einen Heiligenkult investierten, der nichts brachte. Bis kurz vor der Reformation kämpfte beispielsweise jede Gemeinde am Zürichsee, dass man eine Kirche in der Nähe baute. Nur so konnten sie ihre Kinder rechtzeitig taufen lassen. Die Kindersterblichkeit war damals hoch und den Ungetauften drohte die Vorhölle. Wenige Jahre später waren es jene Dörfer, welche die Kindertaufe verweigerten und Wiedertäufer wurden. Die Bauern und Bürger hatten das Gefühl, dass die Kirche ihnen etwas gepredigt hatte, das nicht stimmte. Über Jahrhunderte hatte man sie belogen, betrogen und ausgebeutet. Entsprechend gross war ihre Wut und Rache, die sie an den Heiligenfiguren vollzogen.

Sie haben sich intensiv mit dem Reformator auseinandergesetzt. Wie war der Mensch Huldrych Zwingli?
Zwingli war eine widersprüchliche Persönlichkeit mit den verschiedensten Facetten. Er war musikalisch, liebte die Musik und verbannte die Orgel aus den Kirchen. Er war leidenschaftlich, argumentierte aber rational. Er verfügte über Intellekt, besass Humor, provozierte gerne und sprach mit spitzer Zunge. Zwingli entspricht keineswegs dem Bild des trockenen Reformators.

In den Presseunterlagen heisst es, Sie erzählen das Leben Zwinglis aus der Perspektive seiner Frau.
Anfänglich war dies die Intention. Das Leben von Anna Reinhart hat mich berührt. Die Witwe mit drei Kindern machte an Zwinglis Seite viel durch. Anfangs muss sie ihre Beziehung zum Reformator verheimlichen, dann verliert sie ihren Mann, Sohn, Bruder und Schwiegersohn in der Schlacht von Kappel, und sie verschwindet in der Versenkung der Geschichte. Im Film bildet jetzt die Beziehung zwischen Zwingli und seiner Frau den roten Faden der Geschichte.

Und wie war er als Ehemann und Mann?
Er war sicher maskulin. Heute würde man sagen, er war ein «Macho». Als seine Frau Anna Reinhart ein Kind bekam, weilte er in Bern. In einem Brief gratuliert er ihr knapp zur Geburt und fährt dann fort, sie solle ihm noch den Rock und Geschenke schicken. Er behandelte seine Frau wie eine Magd – im damaligen Kontext war das sicher alltäglich.

Was hat Sie an Huldrych Zwingli besonders beeindruckt?
Seine grosse Offenheit. Um die Bibel zu übersetzen und Hebräisch besser zu verstehen, arbeitete er mit einem jüdischen Arzt zusammen. Da kannte Zwingli keine Berührungsängste.

Was bedeutete ihm der Glaube?
Sein Glaube war humanistisch geprägt. Zwingli dachte rational. Im Zentrum seines Glaubens und seiner Spiritualität stand die Bibel, mit der er argumentierte. Er ging davon aus, dass Menschen fehlerhaft sind und sie damit leben müssen. Er war überzeugt, dass Gott uns nicht bestraft, sofern wir an ihn glauben.

Wer Zwinglis Leben betrachtet, erkennt, wie gespalten er war. Er kämpfte gegen das Söldnerwesen und zog trotzdem in den Krieg. Er betonte die Freiheit des Glaubens und liess zu, dass seine ehemaligen Weggefährten hingerichtet wurden.
Zwingli war in erster Linie ein Realpolitiker, der seine Bewegung retten wollte. Diesem Ziel ordnete er alles unter. Er lehnte Gewalt nicht ab, solange man für die richtige Sache kämpfte. Am Söldnerwesen störte ihn die Korruption der Regierenden und Soldaten, die sich bestechen liessen. Gegen Ende seines Lebens fühlte sich der Reformator bedroht, die Bedrohung durch den alten Glauben und die Habsburger war real. Zuletzt war Zwingli ernüchtert, dass nicht alle seiner Reformation folgten, und von Luther enttäuscht, der ihn nicht verstand. Diese Rückschläge machten ihn hart.

Und feindselig gegenüber den Gegnern?
Ja, er dachte, Angriff sei die beste Verteidigung. Auch gegenüber den Täufern, die seine Politik ablehnten und in Zwinglis Augen die Gemeinschaft bedrohten. Im Film zeigen wir Zwinglis Zerrissenheit, wir wollten ihn nicht als sturen Fanatiker darstellen.

War Zwingli ein moderner Mensch?
Für seine Zeit war er sehr modern. Mit einem Bein stand er noch im Mittelalter, mit dem anderen schon in der Neuzeit. Das macht ihn als Figur spannend. Er dachte egalitär und demokratisch. In «Der Hirt» schrieb er, das Volk habe das Recht, sich gegen die Fürsten zu erheben, wenn diese nicht recht tun. Er wird da zum Vorläufer der Bürgerrechtsbewegung, der die Menschen dazu aufruft, selber zu denken, statt sich etwas vorsagen und vorschreiben zu lassen.

Vier Jahre haben Sie an diesem Drehbuch gearbeitet. Hat sich Ihr Blick auf die Reformation verändert?
Ja, stark. Ich lernte viel über die Stadt Zürich und über meine eigene Identität. Ich habe ein gewisses Bewusstsein für das Reformierte entwickelt und bin nun etwas stolz, dazuzugehören. Gerade wenn ich an die aufklärerischen Werte der Reformation denke.

Gegen was würde der Reformator heute protestieren?
Gegen den Kapitalismus in der heutigen Form, der keine Verantwortung übernimmt, sondern abzockt. Zwingli wäre heute ein linker Aktivist. Unsere Religion, an die wir heute glauben und auf die wir setzen, heisst Geld. Zwingli würde sicher die Missbräuche und die ungerechte Verteilung zwischen Arm und Reich anprangern. Und er hätte vielleicht eine Plattform wie Wikileaks gegründet, um dort die wahren Fakten zu nennen und den Mächtigen, den Wirtschaftsleuten und Politikern, auf die Finger zu schauen. Vergleicht man die heutige Zeit mit der Epoche der Reformation, gibt es eine Gemeinsamkeit: Die Zunahme der Transparenz.

Wie meinen Sie das?
Der Erfolg der Reformation beruhte darauf, dass die Leute die Bibel auf Deutsch lesen konnten und sich so ihre Meinung über die Priester und die Kirche machten. Heute erhalten die Menschen durch das Internet und die Digitalisierung Einblick in neue Fakten, sie lassen sich nicht mehr so leicht etwas vormachen. Die neuen Möglichkeiten führen zu mehr Informationen und zu einem moralischen Diskurs. Heute wie auch vor 500 Jahren.

Waren Sie in Ihrer Arbeit frei? Wie stark war der Einfluss der reformierten Kirche, die diesen Film mitfinanziert?
Ich hatte anfänglich meine Befürchtungen. Doch die erwiesen sich als falsch. Die Reformierten sind sehr selbstkritisch im Umgang mit ihrem Reformator, sie wollen ihn in keinster Weise zum Helden oder Heiligen emporheben.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 13. März 2018

Simone Schmid wuchs in der Region Basel auf. Sie arbeitete als Journalistin für die «NZZ am Sonntag» und den «Tages-Anzeiger». Ihr Drehbuch «Goodluck» wurde am Filmfest München ausgezeichnet und für das Fernsehen mit dem Titel «Im Nirgendwo» verfilmt. Simone Schmid war zwei Jahre lang Mitglied im Writers' Room der SRF-Krimiserie «Der Bestatter».


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