Sommerserie: Biblische Liebespaare

Joseph und Maria: Vom Leben mit einer Angebeteten

von Franz Osswald
min
13.07.2023
Die Frau eine erfolgreiche Influencerin ohne Privatsphäre, der Sohn ein Wunderkind – Joseph hat es nicht leicht. Für die Sommerserie «Biblische Liebespaare» erzählt Franz Osswald die etwas andere Geschichte von Maria und Joseph.

Liebespaar? Gewiss, von ihr habe ich ein Kind, eines, von dem alle sagen, es sei nicht von mir. Von wem denn sonst? Jesses Maria! Eine total vertrackte Geschichte. Ein Wunderkind, das Karriere machte. Nicht zeitlebens, sondern postum. Bis heute nicht verblasst. Das soll ihm mal einer nachmachen. Manchmal weiss ich indes nicht, wer mehr verehrt wird: mein verstorbener Sohn oder seine Mutter, meine Angetraute. Sie wird von den Leuten im wahrsten Sinne des Wortes vergöttert. Zugegeben, sie war damals eine gute Partie. Fraulich, selbstbewusst und bescheiden. Gesucht hatte sie diese Publicity mitnichten. Sie kam im Grunde dazu wie die Jungfrau zum Kind. Dummer Vergleich, nicht? Genau das ist ja mein Thema, mein Problem.

 

Sommerserie: Biblische Liebespaare

Alt und jung, treu und untreu, verheiratet oder ledig: Das Alte und das Neue Testament erzählen von unzähligen Paaren. Es sind Geschichten voller Leidenschaft und Wärme, voller Höhen und Abgründe.

Die Sommerserie greift einige dieser biblischen Paare auf und versetzt ihre Geschichten in die heute Zeit. Die moderne Interpretation alter, traditioneller Lesarten lässt deren Kernaussagen wieder deutlicher hervortreten und Überraschendes kommt zum Vorschein. Herzschmerz-Autorin Rosamunde Pilcher hätte ihre Freude daran.

Erscheinungstermine
Donnerstag, 13. Juli:
Joseph und Maria: Vom Leben mit einer Angebeteten, von Franz Osswald
Donnerstag, 20. Juli: Sara und Abraham: Der lange Weg zum Wunschkind, von Noemi Harnickell
Donnerstag, 27. Juli: Batseba und David: Das letzte Machtspiel, von Karin Müller
Donnerstag, 3. August: Moses und Zippora: Kaltes Erdbeereis und heisse Liebe, von Noemi Harnickell
Donnerstag, 10. August: Adam und Eva: Die Sehnsucht bleibt, von Tilmann Zuber

 

Hast ‘ne Frau, die ohne dich zum Balg gekommen sein soll. Allein dieses Gerücht hat meine Liebste in die Medien gebracht. War das eine Story gewesen. Die Reporter haben sich die Klinke in die Hand gegeben. Und dann die Folge-Story: Wie Maria den Tod ihres Kindes – nun fang ich auch schon so an – unseres Kindes! gemeistert hat. Ihre Anhänger hatten sie angehimmelt, geradezu in den Himmel gehoben. Mein Gott, wer hätte das gedacht. Ihre Eltern sicher nicht. Profitierten gleichermassen vom Ruhm ihrer Tochter. Niemand durfte sie beflecken, besonders ihr Mami nicht, meine Schwiegermutter. Aber erwarten Sie jetzt nicht, dass ich mich noch über Schwiegermütter auslasse. Die ist eine andere Geschichte.

Damals lief nur ich hinter ihr und dem Esel her. Heute bin ich der Esel.

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, mit einer dermassen angebeteten Frau zu leben? Wohl kaum. Gut, es gab ja die Merkel. Die hatte auch einen Mann. So ganz nebenbei. Trat kaum in Erscheinung. Nur sie, Angela. Bedeutet: die vom Himmel Geschickte. Um Himmels willen! Das würden manche heute mit Sicherheit bezweifeln. Ganz im Gegensatz zu meiner Maria, die in den Himmel Geschickte. Das wird um einiges weniger bezweifelt. So etwa muss ich das Ganze wohl oder übel sehen. Die Merkel indes wurde wenigstens von Bodyguards geschützt. War unantastbar. Aber meine. Da knien die Leute vor ihr schamlos nieder. Selbst wenn ich dabei bin. Betatschen sie zuweilen geradezu. Als könnten sie von ihrer Ausstrahlung etwas abbekommen. Nun ja, glauben macht bekanntlich selig. Sollen sie doch tun, was sie nicht lassen können.

Und ich. Bin wohl Herr «Merkel». Tschuldigung. Der heisst ja so, was ich gerade bin: Sauer. Hab die zwei auf dem Rücken. Bin ein Nebengeräusch. Immerhin durfte ich mit ihr und dem Kind nach Ägypten. Meine einzige Auslandreise. Abenteuerferien. Damals lief nur ich hinter ihr her – sie auf dem Esel, mit unserm Kleinen. Nun tun das zig Millionen. Ihre Follower. Und ich bin der Esel.

Immerhin kommt mir die Digitalisierung entgegen. Früher war alles in echt. Live. Reality-Show nennt man das neudeutsch. Heute folgen ihr die Massen auf Tiktok, Instagram oder Facebook und wie diese kozialen Medien alle heissen. Da dürfen sie ruhig Hand anlegen. Auf ihren Handys. Mit ihren Touchscreens. Dürfen meine Maria betatschen, so viel sie wollen. Das lässt mich total unberührt.

Aber ich hätte es ja wissen müssen. Dank Wikipedia. Joseph heisst schliesslich: Gott fügt hinzu. Maria und ich, der ihr von Gott Zugefügte. Nun denn halt, in Gottes Namen. Nun werden Sie wahrscheinlich etwas ratlos dasitzen – da Sie unbeirrt bis hierher gelesen haben. Sie werden sich fragen, warum ich denn bei Maria geblieben bin, wenn ich doch alles so kritisch, ja negativ sehe? Konsequent wäre doch, einfach den Hut zu nehmen. Eben nicht! «Liebe ist der Entschluss, das Ganze eines Menschen zu bejahen, die Einzelheiten mögen sein, wie sie wollen.» Nein, das hat nicht mein Sohn gesagt, sondern der deutsche Schriftsteller Otto Flake. Er hat damit in seiner Zeit formuliert, was mein Sohn gepredigt und vorgelebt hat – auf den ich übrigens mächtig stolz bin.

So halte ich es mit Maria und sie, meine Liebste, mit mir. Denn: ich bin ja auch nicht ohne Fehl und Tadel, wie Sie sich leicht ausmalen können, wovon ich aber kein Wort verraten habe. Sie erkennen das schon allein daran, dass ich lediglich Einzelheiten erwähnt, ja herausgepickt habe. Und die mögen – richtig! – sein, wie sie wollen.

 

Franz Osswald ist ein Basler Journalist und Krimiautor. Sein Oscar Behrens ermittelt in der Stadt am Rhein und der Region. Inzwischen sind in der Reihe sechs Bücher erschienen. Der neueste Roman «Stimmungstief» kommt im November heraus.

 

Maria und Josef

Nach den Evangelien waren Maria und Josef ein jüdisches Ehepaar, das in Nazareth lebte. Die Liebe der wichtigsten Eltern der Christenheit hatte einen schweren Start: Als Josef erfuhr, dass seine Verlobte Maria schwanger war, wollte er sich verkriechen. Kein Wunder, denn nach der biblischen Erzählung war er nicht der leibliche Vater. Doch ein Engel überredete ihn im Traum, zu Maria zu stehen. Als er erwachte, nahm er Maria zur Frau und kümmerte sich liebevoll um die wachsende Familie.

Die beiden reisten nach Bethlehem, denn Josef stammte aus dem Geschlecht Davids und musste zur Volkszählung in die Stadt. Unterwegs, so berichtet die Bibel, brachte Maria in einem Stall das Jesuskind zur Welt.

Maria und Josef begleiteten Jesus auf seinem Lebensweg, Maria bis ans Kreuz. In der Apostelgeschichte wird Maria als eine der Frauen erwähnt, die an Pfingsten den Heiligen Geist empfangen. Ausserhalb der neutestamentlichen Quellen ist historisch nichts über die Eltern Jesu überliefert.

Maria wurde bereits im 2. Jahrhundert als Mutter Christi verehrt. Im Jahr 431 wurde Maria durch das Konzil von Ephesus als Gottesgebärerin anerkannt. Seitdem ist sie neben Jesus Christus die wichtigste Heilige der katholischen Kirche und wird heute in den meisten katholischen Kirchen bildlich dargestellt und verehrt. In der Gegenreformation wurde Maria zur Kämpferin für den alten Glauben. Ihr werden zahlreiche Wunder zugeschrieben.

In der Ostkirche wurde Josef bereits um 850 als Heiliger verehrt. Die Westkirche tat sich mit dem Stiefvater Jesu schwerer. Erst 1870 erklärte Papst Pius IX. Josef zum Schutzpatron der katholischen Kirche.

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