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Gesellschaft

Abschied vom Teufel

Der Teufel steht für das Böse und für den Versucher, sagt der St. Galler Psychiater und Autor Andreas Köhler. Rückfälle ins «Böse», wie den Nationalsozialismus, sind trotz Gleichberechtigung, wo jeder sein Recht und seine Würde hat, möglich.

Satan als Versucher

Die Gestalt des Teufels ist eine Verbildlichung, eine Imagination – von was? 
Traditionell steht er für zweierlei, für das Böse schlechthin, aber auch für den Versucher. In der Bibel übernimmt er zudem die Aufgabe, Menschen herauszufordern. Die Verführung durch die Schlange und die Vertreibung aus dem Paradies schafft eine Dynamik; der Mensch wird zu einer arbeitenden, leidenden – und bewussten Existenz. 

Und was steckt hinter diesem Versucher? 
Das mag auch eine Stimme in uns selber sein. Wir personifizieren das und reden vom Teufelchen in uns. Der Mensch hat widersprechende Kräfte in sich, teils durch die Triebe bedingt. Da kann es zum Dilemma kommen: Wem nütze ich, wem schade ich?  Mir oder meinem Mitmenschen? Wie rechtfertige ich meine Handlungen? Helfe ich denen, die mir am nächsten stehen – meiner Familie, meinen Freunden, meinem Volk – auf Kosten der mir Fremden und Unvertrauten? 

Dahinter steckt das Böse?  
Ich brauche den Begriff selten, vor allem beziehe ich ihn nicht auf Menschen. Es gibt Taten, die böse sind. Wir müssen ehrlich sein und sehen, dass wir oft aus unguten Gefühlen handeln, z. B. aus Neid. Dann rechtfertigen wir etwas, das eigentlich amoralisch ist. Ich darf so handeln, weil es dem Beneideten «allzu gut» geht.  

Sind diese negativen Züge angeboren?
Sie sind teils stammesgeschichtlich bedingt, z. B. die Aggressivität, mit der man sein Territorium verteidigt. Dieser urtümliche Antrieb steckt noch in uns. Er findet auch in der Erziehung seinen Niederschlag, indem man für die eigene Gruppe schaut und andere ausschliesst. Es war in der Menschheitsgeschichte ein langer Weg, bis wir alle Menschen als gleichberechtigt anschauen, sodass jeder sein Recht und seine Würde hat –  ein Weg, der noch nicht abgeschlossen ist und auf dem es Rückfälle gibt, wie der Nationalsozialismus gezeigt hat. 

Wie erklären Sie sich einen solchen Rückfall?
Man muss bedenken, dass auch Theorien eine grosse Kraft annehmen können, zum Guten wie zum Bösen. Die Kultur ist nicht einfach das Gute. Das zeigt die Rassentheorie der Nazis. Auch die Kultivierung des Geistes bis zur Überheblichkeit kann Schlechtes hervorbringen. 

Die Hölle als Reich des Teufels  

Die Religionen kennen auch eine Hölle, wo der Teufel der Chef ist. Was halten Sie davon?
Diese Vorstellungen haben heute wenig Gewicht, wir haben die Hölle ins Diesseits herübergenommen. Umgekehrt möchte man im Gedächtnis der Hinterbliebenen als guter Mensch überleben. 

Ich nehme wahr, dass viele Menschen an ein nachtodliches Leben bei Gott glauben. 
Die Vorstellung ist tröstlich angesichts der Hinfälligkeit des Lebens. Ich bin dem etwas nachgegangen und musste teils schmunzeln. Augustinus beschreibt im Gottesstaat das Leben bei Gott. Dort sind alle Menschen schön, um die dreissig, in der Blüte des Lebens. Der Kirchenvater stellt sich dann die Frage, was sie da tun, eine ganze Ewigkeit lang…und weicht einer Antwort aus. Analog in der göttlichen Komödie von Dante. Die Hölle ist dynamisch beschrieben, auch der Berg der Läuterung. Doch das Paradies ist langweilig. Unzählige Seelen schwirren um Gott. Das kam mir vor wie ein Mückenschwarm. Bei Swedenborg ist das Paradies sinnlicher, wie ein Schlaraffenland oder ein Wellnessstudio. 

 In der Ewigkeit ist aber die Zeit ganz anders. 
Ja, aber da kommt noch etwas dazu, was mir bei der Hölle sehr unchristlich vorkommt. Wie kann ein Herrscher einen Teil seiner Untergebenen irgendwo hinschicken, wo er nicht mehr der Chef ist? Kirchenvater Origenes hat dem widersprochen und sah einen Weg, wie schliesslich alle erlöst werden. Er konnte keine Exklave dulden, die nicht der göttlichen Herrschaft unterstellt ist.  

Darum neigen wohl viele Leute eher zur Reinkarnationsidee, wo man zwar in der Zwischenwelt auch Dämonen begegnet, aber nicht dort verharrt. Eine Option für Sie? 
Dagegen spricht, dass jeder Mensch etwas Neues ist. Jeder hat das Recht, aus seinem Ursprung etwas zu werden. Jeder fängt neu an, ohne Früheres mitzuschleppen. Es reicht, dass uns Herkunft, Zeit und Familie prägen. 

Die Personifikation des Bösen

Haben Sie als Psychiater auch schon dem Bösen ins Auge gesehen? 

Ja, aber ich sah die bösen Taten, nicht böse Menschen. Ich sehe da Aspekte, die alle Menschen betreffen, mich eingeschlossen. 

Es gibt Menschen, die zum Bösen stehen.  
Da geht es um Gefährlichkeit von Menschen. Ist es verantwortbar, dass sie sich in der Gesellschaft frei bewegen? Selbst da bin ich vorsichtig. Die Menschen sind einem Zwang oder einem Trieb unterworfen, nicht böse.  

Auch nicht jemand wie Hitler? 
Das Hauptproblem ist da die Macht. Wir geben gewissen Menschen in Staat und Wirtschaft viel Macht. Und Macht korrumpiert leicht. Die Macht verführt, nicht der Teufel. Aber Ohnmacht und Chaos können ihrerseits zerstörerisch sein. 

So brauchen wir keinen Teufel, um die Gefahren und Nöte der Welt zu erklären? 
Ich lasse ihn gelten als Symbol, als Imagination, als Vorstellung für das Böse, Verführerische oder Zerstörende, dem wir verfallen.

 

Leserbriefe zum Thema

 

Mehr zu Himmel, Hölle und Reinkarnation, 12 Minuten: 
https://youtu.be/ZHdhr5zEASc

Mehr zu Gott und Geist, 12 Minuten: 
https://youtu.be/PEMW1rcU7GI

Das ganze Interview, 76 Minuten: 
https://youtu.be/CGaErPWzAVA

 

Interview und Foto: Andreas Schwendener   – Kirchenbote SG, Februar 2018

 


Öffentlichkeitsarbeit in der Kirchgemeinde

Offentlichkeitsarbeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Mit Tipps und Inputs von Fachleuten geht es am Samstag, den 10. März zur Sache.

An diesem Vormittag erfahren Interessierte und Zuständige aus den Kirchgemeinden, worauf sich achten müssen und wie die Kommunikation der Kirchgemeinde verbessert werden kann. Es gibt Workshops zu: 1. Homepages 2. Schreibwerkstatt 3. Kontakt Medien 4. Social Media. Anmeldung bis 2. März an info@ref-arai oder Tel. 071 340 04 55 Beginn 09.00 Uhr, Ende mit Apéro ab 12.30 Uhr Ort: Ref. Kirchgemeindehaus Herisau!

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Von der mittlerweile preisgekrönten Web-Serie "Hilfe, meine Frau ist Pfarrerin" sind gegenwärtig 11 Episoden aufgeschaltet. Die leicht absurden Geschichten über biblisch-christliche Lebensbetrachtung zeigen mit Augenzwickern auf, wohin gewisse Auslegungen in der Lebenspraxis führen können. Keine tiefschürfende theologischen Auseinandersetzung jedoch in zeitgemässer Form Inputs zu Glaubensfragen, die der/dem Einen oder Anderen vielleicht auch schon durch den Kopf gegangen sind. Die Art des Humors ist nicht jedermanns Sache - einfach mal reinschauen und sich eine eigene Meinung bilden. Viel Spass!