Eine Kirchgemeinde erfindet das Pfarramt neu

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21.04.2017
Die Schaffhauser Kirchgemeinde Gächlingen reagiert kreativ auf den Pfarrerinnen- und Pfarrmangel. Die Stelle über 50 Prozent soll je zur Hälfte von einem Pfarrer und einer nicht ordinierten kirchlichen Mitarbeiterin besetzt werden. An der Kirchgemeindeversammlung war dieses Modell nicht unumstritten.

Ländliche Kirchgemeinden haben oft Mühe, eine vakante Pfarrstelle neu zu besetzen. Auch in der kleinen Schaffhauser Gemeinde Gächlingen fand sich für den im Sommer 2016 zurückgetretenen Pfarrer lange keine Nachfolge. Doch nun stimmte die Kirchgemeindeversammlung vom 4. April einem unkonventionellen Vorschlag zu: Die Stelle über 50 Prozent soll je zur Hälfte von einem Pfarrer und einer nicht ordinierten kirchlichen Mitarbeiterin ­besetzt werden.

In der Schaffhauser Kirchenordnung wird die Übertragung von bis zu 25 Pfarrstellenprozenten an eine nicht ordinierte Person ausdrücklich erlaubt. «Substitu­tion» nennt sich das Prinzip, das es qualifizierten Personen aus den Bereichen ­Sozialdiakonie, Unterricht, Jugendarbeit und Verwaltung ermöglicht, pfarramtliche Aufgaben in eingeschränktem Umfang zu übernehmen. Von der Regelung ausgenommen sind spezifisch theologische Aufgaben wie die Leitung von Gottesdiensten und Kasualien. Auch der Pfarrtitel darf ausschliesslich von einer ordinierten Pfarrperson getragen werden.

Das «vernetzte Pfarramt»
In Gächlingen wird das Pfarramt in Personalunion nun per 1. Juni 2017 vom Ehepaar Werner und Marianne Näf übernommen. Werner Näf war bis 2002 Pfarrer in Löhningen SH, bevor er sich als Geschäftsführer einer kirchlichen Internetseite selbständig machte. Aufgrund dieser Tätigkeit kann Näf nur die Hälfte des Pensums übernehmen; während einer Übergangszeit von zwei Jahren sogar noch weniger. Bei seiner Bewerbung auf die vakante Pfarrstelle schlug er deshalb eine Substitution von 25 Stellenprozenten durch seine Frau vor – und diese ist Kirchenstandspräsidentin von Gächlingen.

Das unkonventionelle Jobsharing begründet Werner Näf in seinem Konzept «Vernetztes Pfarramt in der Kirchgemeinde Gächlingen» mit der Notwendigkeit, nach neuen und flexiblen Formen des Pfarramts zu suchen. Der gewählte Pfarrer trage dabei die Verantwortung für die Aufgaben des Pfarramts, stütze sich aber stärker als früher auf ein Netzwerk von Angestellten und Freiwilligen.

38 Mitglieder dafür, sechs dagegen
Für Thomas Schaufelberger, Leiter von A+W – Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer in den Konkordatskirchen, ist das grundsätzlich ein interessantes Konzept. «Ich finde es legitim, dass die Kirche experimentell vorgeht und Innovation auf allen Ebenen fördert.» Er sehe auch nicht die Gefahr, dass dadurch das Konzept der Pfarrstellen aus­gehöhlt werde.

Inwiefern Modelle wie das von Gächlingen zukunftstauglich sind, wird sich zeigen. In der Kirchgemeindeversammlung stiess das Konzept bei 38 Ja- und sechs Nein-Stimmen jedenfalls auf eine gewisse Skepsis. «Manchen Leuten wäre es lieber, weiterhin einfach ‹ihren› Pfarrer zu haben», sagt Werner Näf.

Heimito Nollé / ref.ch / 21. April 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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